Regelmäßig kehrt er vom Niltal an die Pleiße zurück. In der ägyptischen Hauptstadt arbeitet Dietrich Raue als Direktor der Kairoer Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts. In Leipzig unterrichtet der ehemalige Kustos des Ägyptischen Museums „Georg Steindorff“ als Honorarprofessor an der Universität Leipzig. Beides macht er unwahrscheinlich gern: Mitten im ägyptologischen Epizentrum kann der Professor mit Wissenschaftlern und Institutionen aus Ägypten und aller Welt forschen und arbeiten. Und in Leipzig gibt er sein Wissen an junge Menschen weiter, die seine Leidenschaft teilen. Das Institut in Kairo sowie die Universität Leipzig kooperieren eng, nicht zuletzt wegen der Forschungsarbeiten am Sonnentempel von Heliopolis, an denen Raue beteiligt ist.
Geboren wird Dietrich Raue am 4. September 1967 in Leverkusen. Dort wächst er im Schatten des Bayer-Werkes auf. Der Vater ist Chemiker, die Mutter medizinisch-technische Assistentin, bevor sie als Hausfrau in einer Familie mit vier Söhnen mehr als beschäftigt ist. Beide sind sehr kulturinteressiert, musizieren auch zuhause.
Fasziniert vom Besuch in Kairo
In der Schule trifft der Junge auf einen Geschichtslehrer, der den Stoff sehr lehrreich vermittelt und auch Urlaubsdias aus Ägypten zeigt. Dietrich Raue ist begeistert und wünscht sich schon als Zwölfjähriger von seinen Eltern eine Studienreise nach Kairo. Danach ist sein Berufswunsch klar. Er studiert von 1986 bis 1996 in Heidelberg und Berlin Ägyptologie, Vorderasiatische Archäologie und Klassische Archäologie. 1996 wird er in Heidelberg promoviert. Seine Dissertation widmet er dem „Haus des Re“, dem Sonnentempel von Heliopolis. Es schließt sich ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an. 1996 bis 1999 beschäftigt er sich mit Keramik des Alten Reiches. 2000 erhält er die Chance, an der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu arbeiten. Dort nimmt er an den Grabungen in Elephantine teil, die er seit 2007 leitet.
Er fühlt sich wohl am Nil und ist eigentlich sehr zufrieden. Er hört aber von einer ausgeschriebenen Stelle am Ägyptischen Museum der Universität Leipzig, in dem er gleichzeitig forschen, lehren und Öffentlichkeitsarbeit machen kann. Jener Dreiklang interessiert ihn. Von Kairo aus fliegt er zum Vorstellungsgespräch nach Leipzig. Das Ägyptische Museum, gerade ins neue Domizil im Krochhochhaus am Augustusplatz gezogen, sucht einen neuen Kustos.
Ein Kustos macht das Ägyptische Museum bekannter
Raue ist fasziniert vom Charme des Gebäudes, das kein klassischer Museumsbau, sondern ein ehemaliges Bankhaus ist. Er bekommt den Job und tritt diesen am 1. Oktober 2010 an. Fortan ist er unermüdlich dabei, die aus rund 10.000 Objekten bestehende Sammlung bekannter zu machen. Das gelingt besonders bei der alljährlichen Museumsnacht Halle und Leipzig, wenn die Wissenschaftler des Hauses gemeinsam mit den Studenten altägyptische Zeremonien darbieten. Das Museum beteiligt sich ebenfalls am Wave-Gotik-Treffen oder an der Jüdischen Woche.
Gemeinsam mit Studenten fliegt Dietrich Raue regelmäßig zu Ausgrabungen nach Ägypten. Schon als Student liest er einen Grabungsbericht über Heliopolis. Die Stadt der Sonne gilt – neben Karnak mit einem gut erhaltenen Tempel in Luxor – als eines der wichtigsten religiösen Zentren im Alten Ägypten. Hinweise auf den Haupttempel, in dem der Sonnengott verehrt wurde, findet er damals keine. Dass Raue später gemeinsam dem ägyptischen Archäologen Aiman Ashmawy Grabungen in Heliopolis leiten wird, konnte er sich damals nicht vorstellen.
Ausgrabungen in Heliopolis werden Kampf gegen die Zeit
Das Problem ist, dass Heliopolis mitten in der Stadt liegt. Und die Ausgrabungen im Kairoer Stadtteil Matariya erweisen sich als ein Kampf gegen die Zeit. Die 23-Millionen-Stadt Kairo benötigt den Grund und Boden von Heliopolis. Momentan entstehen dort Wohnhäuser. Die Archäologen aus aller Welt wollen möglichst viele Rätsel der Tempelanlage lösen. „Es wurde viel gegraben – auch mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Gerda Henkel Stiftung, wie auch dank privater Spenden “, erklärt Raue. Seit Sommer 2024 sind die Grabungen abgeschlossen, die wissenschaftliche Auswertungen laufen.
Der Sensationsfund von 2017, die monumentale Skulptur von Psammetich I., befindet sich im Neubau des Grand Egyptian Museum, der in der Nähe der Pyramiden von Gizeh entstanden ist. Fragmente weiterer lebensgroßer Skulpturen, etwa ein Relief der Zeit von Ramses II. sowie Feuerungsanlagen einer Brauerei des 4. Jahrtausends v. Chr. gehören ebenfalls zu den spektakulären Funden. Jene Ausgrabungen hat Raue ausführlich in seinem Buch „Reise zum Ursprung der Welt“ populärwissenschaftlich beschrieben.
Nah dran an der ägyptologischen Forschung
Seit Oktober 2022 ist Dietrich Raue Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Kairo. Das ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes gehört. Es gibt eine Zentrale in Berlin sowie Standorte in zwölf Städten im In- und Ausland, darunter Madrid, Rom, Istanbul und Kairo. „Nirgends bin ich der archäologischen Forschung Ägyptens näher“, sagt Raue. Mitten im ägyptologischen Epizentrum kann er mit Wissenschaftlern und Institutionen aus Ägypten und aller Welt zusammenarbeiten. Den Weggang aus Leipzig habe er nicht bereut, betont er. Zumal er Leipzig treu bleibt. 2022 wird er Honorarprofessor an der Universität Leipzig. Nach wie vor hält er nach Möglichkeit pro Semester zwei Wochenstunden als Blockseminar in ägyptologischer Archäologie. Zudem betreut er Promotionen an der Universität.
Regelmäßig kommen Studenten aus Leipzig zu Praktika oder als Hilfskräfte ans Institut nach Kairo. Für Grabungen hat er als Direktor des DAI, das 20 Mitarbeiter beschäftigt, weniger Zeit. Seine Aufgabe ist es, diese zu organisieren sowie wissenschaftlich auszuwerten. Zugleich wird überlegt, wie die Grabungen und Funde auf Tafeln für den ägyptischen und internationalen Besucherverkehr besser aufbereitet werden können.
Internationale Grabungen in Dahschur und Elephantine
Ein großes Vorhaben der Abteilung Kairo ist derzeit die Fortsetzung der deutsch-schweizerischen Stadtgrabungen auf der Flussinsel Elephantine im Nil. Untersucht werden unter anderem ältere Schichten, die vom Stadtleben im Alten Ägypten 2900 vor Christus erzählen sollen. Bei Grabungen in Dahschur wollen die Forscher erkunden, wie die Menschen gelebt haben, die die frühen Pyramiden von Snofru – dem Vater des bekannteren Pharaos Cheops – um 2600 v. Chr. erbaut haben. „Wir wollen herausfinden, wie die Menschen gewohnt haben, die diese Pyramiden errichtet haben“, so Raue.
Alle Grabungen finden in Partnerschaft mit dem ägyptischen Ministerium für Tourismus sowie in Kooperation mit deutschen und europäischen Universitäten statt. Raue ist es wichtig, dass vor Ort Kompetenzen aufgebaut werden. Mit dem ägyptisch-deutschen Team sei dies an mehreren Orten bereits gut gelungen. Von großer Bedeutung ist auch die Bewahrung des antiken Erbes durch geeignete Konservierungsmaßnahmen.
Stand: 22.01.2026














