Sein Bild lebt weltweit weiter: Vom Giebel der Häuserwand am Leipzig Marriott Hotel am Brühl ist das Wandgemälde der Friedlichen Revolution von Michael Fischer-Art verschwunden. Der Künstler selbst zerlegt es in Einzelteile, die weltweit an Interessenten verkauft werden. Es ist immer absehbar gewesen, dass das größte Gemälde der Stadt weichen muss, sobald die Kriegsbrache zwischen Brühl und Richard-Wagner-Straße bebaut wird. Deshalb malt Fischer-Art sein Bild 1998 nicht direkt auf die Fassade, sondern auf einer Vorwanddämmung – einer abnehmbaren Schicht aus Putz, Gage und Dämmwolle. Verhandlungen, das Bild hinter einer gläsernen Fassade im entstehenden Hotelneubau zu integrieren, haben zu keinem Ergebnis geführt. So hatte Fischer-Art vorgeschlagen, ein Kunsthotel zu eröffnen. Doch seit Mai 2025 ist das auffällige Wandbild demontiert.
Das etwa 3.000 Quadratmeter Wandbild ist umfassend fotografisch dokumentiert. Dafür hat die Initiative Kunstfreiheit gesorgt, die Teile des Bildes im Mai 2025 in einer temporären Ausstellung im Leipziger Hauptbahnhof zeigt. „Wir haben es zerstört, um es zu retten“, sagt Sándor Mohácsi von der Initiative Kunstfreiheit.
Eine große Geschichte rund um die Friedliche Revolution
Das Kunstwerk zeigt in vielen kleinen Bildern eine große Geschichte rund um die Friedliche Revolution. Es steht für den Mut und die Entschlossenheit der Demonstranten, die Gesellschaft zu verändern. Fischer-Art hat mit seinen comicartigen Figuren und satten Farben Motive der Leipziger Montagsdemonstrationen, der Fluchtbewegung des Sommers 1989 und des Mauerfalls verarbeitet. Eine Figur stellt einen DDR-Grenzsoldaten mit Maschinengewehr dar, der vom Wachtturm aus die DDR-Grenze bewacht.
Eingeflossen sind persönliche Erfahrungen. Keine Gewalt, Freie Wahlen, Reisefreiheit – viele der Forderungen von damals tauchen in dem Bild auf. Fischer-Arts „Flug in die Freiheit“ zeigt die Prinzen, Hans-Dietrich Genscher und sich selbst – als Indianer. Erstellt hat er das Wandbild 2009, zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution. Zehn Jahre zuvor gibt es eine erste Variante, die allerdings vom Regen „abgewaschen“ wird. Die Überarbeitung hängt dann 15 Jahre lang.
Ein Blickfang für Touristen und Einheimische
Für den Künstler ist die bemalte Wand am Brühl das „ideale Einheitsdenkmal für Leipzig“, wie er in Interviews betont. Für viele Touristen und Einheimische wird das Wimmelbild, das viele Geschichten erzählt, zum Blickfang und ist eines der meistfotografierten Motive der Innenstadt. Doch das gehört der Vergangenheit an. Fast zehn Monate haben Michael Fischer-Art und sein Team das Wandgemälde demontiert. Dieser Prozess erweist sich als sehr aufwändig, da die Struktur und Farben bestmöglich erhalten bleiben sollen. Das Aussägen überlässt er daher auch keiner Handwerksfirma. Alles erfolgt mit künstlerischem Auge – um die einzelnen Motive zu retten. Eine Auflage des Gebäudeeigentümers: Jede ausgeschnittene Stelle wird anschließend mit schnell anziehendem Mörtel verputzt.
80 Prozent des Gemäldes können so geborgen werden. Auf Teile von Wolken und Himmel hat der Künstler dabei von vornherein verzichtet. Ein kleiner Teil ist beim Abnehmen zerbröselt und ist dadurch nicht mehr zu retten.
Die Wandstücke sind in kleinere Segmente geschnitten worden. Sie werden gereinigt und mit viel Liebe zum Detail auf Alu- oder Leinwandplatten aufgetragen. Jedes Teilstück wird sorgfältig geklebt. Später werden sie für den Verkauf vorbereitet. Das Interesse ist auch in anderen Ländern groß. In Sydney und Singapur, in den USA und Israel, Neuseeland und Schweden, aber auch in London, Paris, Wien, Prag und ganz Deutschland hängen die kleinen Kunstwerke aus dem Wandgemälde.
Eine Spende für die Zukunft der Kinder
Ein Teil des Erlöses kommt dem Verein Zukunft für Kinder zugute. Der Schriftzug mit der Forderung „Demokratie jetzt“ von den Montagsdemonstrationen hängt inzwischen im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Viele Einzelstücke befinden sich ebenfalls im Atelier des Künstlers in Borna, in der alten Witznitzer Brikettfabrik.
Schon 2006 hüllte Fischer-Art drei 1966 bis 1968 errichteten elfgeschossigen Plattenbauten am Brühl in große Planen ein und bemalt diese, bevor die Häuser vor dem Bau der Höfe am Brühl ab 2007 abgerissen werden. Anlass ist damals die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Planen, auf denen beispielsweise 999 Leipziger Köpfe zu sehen waren, werden später zerschnitten und ebenfalls verkauft.
Stand: 30.05.2025














