Sie sind recht unscheinbar: Zwei Panzerspuren – ins Pflaster eingelassene Bronzetafeln im Salzgäßchen – erinnern an ein Ereignis, das zu DDR-Zeiten lange totgeschwiegen wird: den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, an dem auch Leipzig im Ausnahmezustand ist. Damals steht an jener Stelle im Salzgäßchen ein Pavillon der Nationalen Front, zu der alle zugelassenen Parteien und Massenorganisationen der DDR gehören. Er wird von Demonstranten zerstört – ein sowjetischer Panzer vom Typ T-34 fährt auf, um die Proteste zu beenden. An die damaligen Geschehnisse erinnert heute im Salzgässchen das Denkmal der Panzerspuren.
Im Bezirk Leipzig fordert die Niederschlagung des Aufstands neun Todesopfer und fast 100 verletzte Demonstranten. Hinzu kommen 33 verletzte Polizisten. Leipzig ist neben Ost-Berlin, Halle und Magdeburg ein wichtiges Zentrum der Proteste. Jedes Jahr wird bei einer Gedenkfeier an das historische Ereignis erinnert.
Arbeiter protestieren im Stadtzentrum
Wie in Berlin streiken schon am 16. Juni 1953 einzelne Leipziger Betriebe. Acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind die Beschäftigten unzufrieden, erheben sich gegen das politische System in der DDR. Sie fordern die Rücknahme von Normerhöhungen, die Senkung der Preise für Lebensmittel und alltägliche Waren, aber auch freie Wahlen. Einen Tag später marschieren Belegschaften von Baustellen und Industriebetrieben ins Leipziger Zentrum. Arbeiter und Angestellte aus mehr als 80 Betrieben beteiligen sich. Auf dem Karl-Marx-Platz (heute: Augustusplatz) versammelt sich eine große Menschenmenge.
Die Demonstrationen verlaufen zunächst friedlich. Da die Volkspolizei in den ersten Stunden nicht eingreift, glauben viele schon an einen Sieg über die SED-Diktatur. Doch das ändert sich mit Verhängung des Ausnahmezustandes sowie dem Einsatz von Schusswaffen.
19-Jähriger wird erschossen
In der damaligen Beethovenstraße (heute: Straße des 17. Juni) fordern Demonstranten die Freilassung politischer Gefangener. Sie versuchen, zunächst eine Abordnung in die U-Haftanstalt der Staatssicherheit zu schicken. Das wird ihnen verweigert. Die Menge ist aufgebracht und versucht, die Haftanstalt zu stürmen. Volkspolizisten und Stasi-Offiziere schießen damals willkürlich in die Menge. Dabei stirbt der gerade 19-jährige Dieter Teich. Der Mitarbeiter der Leipziger Verkehrsbetriebe ist das erste Todesopfer an diesem Tag.
Panzer beenden Aufbegehren gegen SED-Regime
Gegen 16 Uhr beenden Panzer das erste große Aufbegehren gegen das SED-Regime und damit viele Hoffnungen der Menschen. Unmittelbar nach dem Aufstand setzt eine große Verhaftungswelle ein. Bis zum 3. August 1953 kommen in Leipzig 143 Menschen als „faschistische Provokateure“ in Haft. Viele werden, teilweise in Schauprozessen, zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, einer auch zum Tode. In Leipzig wird bis zum 11. Juli 1953 der Ausnahmezustand verhängt.
Das Bürgerkomitee Leipzig hat eine App „Leipzig 1953“ entwickelt, die zu Originalschauplätzen des Volksaufstandes in Leipzig führt. Und es sind Gedenkorte integriert, die nach der Friedlichen Revolution 1989 entstanden sind. Dazu gehört der Südfriedhof mit der Gedenkanlage für die Opfer der Gewaltherrschaft 1945-1989. In der App wird ebenfalls an die neun Todesopfer erinnert, die im dortigen Krematorium heimlich eingeäschert werden. Fotos und Dokumente sowie zeitgenössisches Ton- und Filmmaterial ergänzen die Informationen.
Das Bürgerkomitee Leipzig, die Stadt Leipzig und die Vereinigung der Opfer des Stalinismus organisieren jedes Jahr eine Kranzniederlegung, um vor der Gedenktafel – Den Opfern der Gewaltherrschaft 1933-1945 und 1945-1989 (Straße des 17. Juni 2) an den Volksaufstand zu erinnern.
Stand: 25.02.2025













