Bildlexikon Leipzig

Ez-Chaim-Synagoge

Apels Garten 4 / Otto-Schill-Straße 6-8 | Ortsteil: Zentrum-West

Ein großes Foto an der Giebelwand des benachbarten Gebäudes der Sparkasse Leipzig erinnert an die einst größte orthodoxe Synagoge in Sachsen. Ez Chaim – Baum des Lebens – nennt sich die Synagoge, die wie viele andere in der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt wird. In Apels Garten 4, unscheinbar versteckt an einer Gasse in städtischer Hinterhof-Lage, befinden sich heute ein Lagerhaus sowie ein Parkplatz. Und es ist wohl nicht unwahrscheinlich, dass das Parkareal künftig einmal verschwindet – es mit einem Wohnhaus bebaut wird. Der Notenspur Leipzig e.V., der Bürgerverein Kolonnadenviertel und die Henriette-Goldschmidt-Schule haben sich vorgenommen, einen würdigen Gedenkort zu etablieren. Das Foto aus dem Innenraum der Synagoge auf einem Banner an der Giebelwand ist zumindest ein Anfang. Der Bürgerverein „Kolle“ hat im Juli 2021 ein Heft über die Historie des Areals herausgegeben, in dem Autor Michael Schönherr viele Details der wechselvollen Geschichte aufgreift.

Eine Synagoge für orthodoxe Juden


Ziel ist es, die Erinnerung an einen verlorenen Ort im Herzen Leipzigs wach zu halten: Die Ez-Chaim-Synagoge, die am 10. September 1922 eingeweiht wird, existiert gerade einmal 16 Jahre. Sie wird eigens für Geflüchtete aus dem Osten Europas errichtet, nachdem es dort Ende des 19. Jahrhunderts Juden-Pogrome gibt. Auf der Flucht sind damals tausende geflüchtete Juden nach Leipzig gekommen. 

In der Großen Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße 3 (heute: Synagogendenkmal) herrschen bei der Gestaltung des Religionsunterrichts und der Tätigkeit von Rabbinern und Kantoren allerdings recht religiös-liberale Auffassungen. Die Leipziger Juden haben sich längst angepasst, die Gebete sind zwar hebräisch, die Predigt jedoch auf Deutsch. Es erklingt spätromantische Musik. Es gibt eine Orgel und einen gemischten Chor. Das lehnen viele orthodoxe Juden ab. Sie nutzen daher zunächst die Brodyer Synagoge, die der Talmud-Thora-Verein in der Keilstraße betreibt. Doch die ist spätestens seit dem Ersten Weltkrieg zu klein. Seit 1918 kommen immer mehr Juden aus Polen und Russland nach Leipzig. In der Synagoge reicht der Platz nicht mehr aus. Der Talmud-Thora-Verein beschließt daher, einen Synagogenneubau zu errichten. Möglich wird dies durch eine großzügige Spende des „Königs vom Brühl“, des Rauchwarenhändlers Chaim Eitingon.

Aus Fahrradhalle wird Synagoge


Der Verein kann am 28. Oktober 1920 ein Grundstück erwerben. Es handelt sich um eine ehemalige Turnhalle im Durchgang zwischen Otto-Schill-Straße und Zentralstraße, die ebenfalls eine interessante Baugeschichte aufweist. Das Gebäude ist zunächst eine Fahrradhalle, die erstmals 1897 auf der
Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897 (STIGA) aufgebaut wird. Die Halle wird nach Ende der Schau von dem Fahrradgeschäft Velociped-Fabrik Paul Focke erworben und in der Dorotheenstraße 6 (heute Otto-Schill-Straße) aufgestellt. Später wird das Gebäude von der Turngemeinde Leipzig übernommen, die es in eine Turnhalle umgestalten und durch einen Anbau ergänzen lässt. Jene Turnhalle baut der Verein schließlich nach Plänen des Architekten Johann Gustav Pflaume in eine Synagoge um. 

Dabei müssen die Grundmauern der Turnhalle genutzt werden, lediglich die Vorderansicht darf repräsentativer aussehen. Diese Auflage der Baugenehmigung führt zu einigen Einschränkungen. Zuletzt muss die Zahl der Sitzplätze von zunächst geplanten 1.200 auf 905 reduziert werden. Die jüdische Religion sieht bekanntlich eine getrennte Sitzordnung von Frauen und Männern vor. Für Frauen entsteht die Empore mit 412 Sitzplätzen. Geweiht wird die Ez-Chaim-Synagoge am 10. September 1922. Gemeinderabbiner wird Ephraim Carlebach. Nahum Wilkomirski, der wegen seiner schönen Stimme auch außerhalb Leipzigs bekannt ist, wirkt als Oberkantor. 

Verein muss Abbruch nach Brandstiftung bezahlen


Zerstört wird die Synagoge in der Pogromnacht im November 1938. Aus den Akten der Feuerlöschpolizei geht hervor, dass sich der Brand etwa 5 Uhr morgens ereignete. Detailliert rekonstruieren lassen sich die Ereignisse der Brandstiftung allerdings nicht. Forscher vermuten, dass die Feuerwehrleute den Auftrag hatten, den Brand nicht auf benachbarte Gebäude übergreifen zu lassen. Vom sächsischen Innenministerium gibt es eine Anweisung, dass die Brandruine bis zum 15. November 1938 zu beseitigen sei. Da die Gemeinde dazu nicht in der Lage ist, werden die Abbrucharbeiten an ein Unternehmen übertragen. Die Rechnung muss der Verein begleichen. Das Synagogenareal wird zum Parkplatz – die Eigentümer der Fläche wechseln mehrfach.

Die Ez-Chaim-Synagoge soll künftig ein Teil des Leipziger Notenbogens sein, der die 2012 eröffnete Leipziger Notenspur ergänzt. Geplant ist ein musikthematischer Stadterkundungsspaziergang, der 17 Stationen westlich des Stadtzentrums umfasst. Acht davon sind eng mit jüdischer Geschichte verbunden. Ziel des Notenspur Leipzig e.V. ist es, den Rundgang ab 2026 anzubieten. Es soll ein Leipziger Beitrag zum sächsischen Themenjahr 2026 „Jüdisches Leben – Jüdische Kultur“ sein.

Stand: 29.11.2023

Bildergalerie - Ez-Chaim-Synagoge

Historisches Bildmaterial - Ez-Chaim-Synagoge

Mathias Orbeck
Mathias Orbeck
Der in Leipzig-Connewitz geborene und aufgewachsene Journalist ist leidenschaftlicher Radfahrer und Naturliebhaber. 35 Jahre lang arbeitete der Lokalpatriot als Redakteur und Reporter bei der Leipziger Volkszeitung. Inzwischen als freier Autor tätig, gilt sein Interesse nach wie vor Leipzigs Historie sowie den schönen Seiten seiner Heimatstadt, deren Attraktionen er gern Gästen zeigt.
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