Bildlexikon Leipzig

Gewandhaus zu Leipzig

Augustusplatz 8 | Ortsteil: Zentrum

Das Gewandhaus zu Leipzig wurde von 1977 bis 1981 als dritter Standort und Spielstätte des weltberühmten Gewandhausorchesters nach Entwürfen von Rudolf Skoda und Horst Siegel errichtet. Es ist der erste und einzige Konzerthaus-Neubau der DDR. Mit derzeit etwa 185 Berufsmusikern gilt das Gewandhausorchester als weltweit größtes Berufsorchester. 

Von der Tuchhalle zur Heimstätte des Gewandhausorchesters


Die lange Tradition des Gewandhausorchesters als ältestes deutsches bürgerliches Konzertorchester reicht bis 1743 zurück. Da gründete die Leipziger Kaufmannschaft das Musikunternehmen „Großes Concert“. Als Auftrittsort diente dem Ensemble zunächst der Saal im
Gasthaus „Zu den drey Schwanen“ am Brühl. Als die Räumlichkeiten zu klein wurden, wechselte das Orchester in ihre erste offizielle und zugleich namensgebende Spielstätte. Das erste Gewandhaus befand sich in der 1498 errichteten spätgotischen Verkaufshalle für Tuchwarenhändler und Gewandschneider an der Universitätsstraße. Auf Anregung von Bürgermeister Carl Wilhelm Müller wurde im Obergeschoss des Zeug- und Gewandhauses unter der Leitung von Baudirektor Johann Carl Friedrich Dauthe ein neuer Konzertsaal mit 500 Plätzen erbaut, welcher am 25. November 1781 feierlich eröffnet wurde. Der riesige Resonanzkörper von Tuchboden und Dach sorgte für eine unvergleichliche Akustik. Im Jahr 1894 brach man das Gewandhaus zugunsten des Messehauses Städtisches Kaufhaus und unter dem Protest vieler Leipziger Musikfreunde ab.

Zwischen 1882 und 1884 wurde im Musikviertel gegenüber der Universitätsbibliothek nach Plänen von Martin Gropius und Heino Schmieden das zweite Gewandhaus erbaut. Das am 11. Dezember 1884 eingeweihte Konzerthaus verfügte über einen Konzertsaal mit 1.560 Plätzen sowie einen kleineren Kammermusiksaal mit 700 Plätzen. Den Bau finanzierte man aus dem Nachlass von Franz Dominic Grassi. Das zweite Gewandhaus wurde bei einem Bombenangriff 1944 schwer beschädigt und schließlich 1968 gesprengt. Nach Kriegsende dienten dem Gewandhausorchester verschiedene Kirchen als Domizil, in denen „Musikalische Gottesdienste“ gestaltet wurden. Ab 1946 war die Kongresshalle am Zoo Interimsspielstätte. Hier musizierte das Orchester bis zur Fertigestellung des Neubaus auf dem damaligen Karl-Marx-Platz, heute Augustusplatz

Basierend auf der von Rudolf Skoda und Horst Siegel 1975/76 erarbeiteten städtebaulich-architektonischen Konzeption schuf ein Architektenkollektiv das Neue Gewandhaus. Unter Leitung von Chefarchitekt Rudolf Skoda wirkten Eberhard Göschel, Volker Sieg und Winfried Sziegoleit mit. Das heutige Gewandhaus befindet sich auf dem Gelände des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Museums der bildenden Künste. Es wurde anlässlich des Jubiläums „200 Jahre Gewandhaus“ nach vierjähriger Bauzeit am 8. Oktober 1981 öffnet. Im Beisein des amtierenden Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur übergab der damalige Staaatsratsvorsitzende Erich Honecker das Gebäude der Öffentlichkeit. Beim Eröffnungskonzert führte das Gewandhausorchester Siegfried Thieles „Gesänge an die Sonne“ sowie Ludwig van Beethovens „Sinfonie Nr. 9“ auf.

Moderne und Tradition auf dem Augustusplatz vereint


Seit seiner Eröffnung 1981 ist das Neue Gewandhaus ein international anerkannter Ort musikalischer Darbietungen und verbindet die Tradition des Gewandhausorchesters mit der Moderne der Aufführungen zeitgenössischer Komponisten. Im Herbst 1989 öffnete Kurt Masur das Konzerthaus auch als Stätte für die politische Diskussion. Am 5. Oktober 1989 äußerten Kurt Masur und Mitarbeiter des Gewandhauses in einer unterzeichneten Willenserklärung öffentlich große Sorge um die aktuellen Entwicklungen in der DDR. Am Nachmittag des 9. Oktobers 1989 verfasste Kurt Masur gemeinsam mit dem Kabarettisten
Bernd-Lutz Lange, dem Theologen Peter Zimmermann sowie den SED-Funktionären Jochen Pommert, Kurt Meyer und Roland Wötzel einen Aufruf, in welchem sie eindringlich um einen friedlichen Dialog baten. Dieser Appell wurde bei den Friedensgebeten in den Kirchen Leipzigs sowie über Radio und Stadtfunk verlesen. Die Botschaft trug maßgeblich dazu bei, dass die Montagsdemonstration in Leipzig friedlich verlief und die deutsche Wiedervereinigung einleitete. Im Laufe der 1990er Jahre konnte das Gewandhausorchester seine Spitzenposition als eines der renommiertesten Orchester weltweit ausbauen. Sein Ruhm wurde zuvor durch Musiker und einstige Gewandhauskapellmeister wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Arthur Nikisch und Wilhelm Furtwängler begründet.

Das größte Deckengemälde Europas im „Tempel der Musik“


Der Bau des Gewandhauses war unter den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Der moderne Gebäudekomplex wurde von den Architekten unter funktionellen Erfordernissen und minimierten Baumassen umgesetzt. Dass das Gebäude schließlich als „Tempel der Musik“, wie es der Dirigent und Geiger
Sir Yehudi Menuhin einst betitelte, bekannt wurde, ist neben des baulichen Geschicks der Architekten nicht zuletzt auf das Engagement von Kurt Masur zurückzuführen.

Das Gewandhaus komplettierte die Neugestaltung des damaligen Karl-Marx-Platzes. Es befindet sich in einer Sichtachse zum Opernhaus und dem vorgelagerten Mendebrunnen. Der in Stahlskelettbauweise errichtete dreigeschossige Grundkörper ist mit einer Fassade aus Cottaer Sandstein verkleidet. Durch die platzseitige Glasfassade, hinter welcher sich die Treppenaufgänge und das Hauptfoyer befinden, entfaltet das Gebäude eine besondere städtebauliche Wirkung. Hinter dem Haupteingang des Foyers befindet sich das 714 Quadratmeter große und 31,80 Meter hohe Deckengemälde „Gesang vom Leben“ von Sighard Gille, welches durch Gustav Mahlers sinfonische Dichtung „Lied von der Erde“ angeregt wurde. Es ist in die vier Teile „Orchester“, „Mächte der Finsternis“, „Lied der Stadt“ und „Lied vom Glück“ unterteilt. Bei dem Gemälde handelt es sich um das größte zeitgenössische Deckengemälde Europas. An der Seite zur Universität Leipzig führt ein gläserner Fußgängerübergang vom Gewandhaus in den MDR-Kubus im City-Hochhaus.

Der Eingang zum Konzerthaus erfolgt durch eine Passage, in der sich das aus Marmor bestehende Relief „Orpheus“ befindet. Der Durchgang mündet in einen kleinen Lichthof, welcher die von Horst Georg Skorupa geschaffene Brunnenplastik „Stadtpfeifer beherbergt. Massive Bronzetüren, die von der Kunstgießerei Lauchhammer gegossen wurden, markieren den Eingang zum Foyer. Im zweiten Obergeschoss sind in der „Galerie des Gewandhauses“ Kunstwerke zeitgenössischer Maler aus den 1970er Jahren ausgestellt. Dazu zählen Arbeiten von Heinz Zander, Arno Rink und Volker Stelzmann.

Zwei Konzertsäle für Augen und Ohren…


Das Gewandhaus beherbergt zwei Konzertsäle: Der Kleine Saal, auch „Mendelssohn-Saal“ genannt, umfasst 498 Plätze und wird für Kammerkonzerte genutzt. Er spiegelt den sechseckigen Grundriss des Großen Saales wider. Im Foyer des Mendelssohn-Saals befindet sich das von
Jo Jastram geschaffene Mendelssohn-Denkmal, eine Bronzestatue des früheren Gewandhauskapellmeisters Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Große Saal bietet mit seinem ansteigenden Parkett, den Rängen und Emporen 1.920 Besuchern Platz. Drei Zuschaueremporen umschließen das Podium, was dem Konzerthaus die ungewöhnliche Form eines sechseckigen Amphitheaters verleiht und den Zuschauern eine gleich gute Akustik und Sicht von allen Plätzen aus ermöglicht. Das Gestühl, die Wände und das Orgelgehäuse sind mit Eichenholz vertäfelt. Die weiß gehaltene „Wolkendecke“ stellt einen wirkungsvollen Kontrast zu dem dunklen Rot der Stuhlbezüge her. Der historische Leitspruch des Gewandhausorchesters von Seneca „Res severa verum gaudium“ („Eine ernste Sache ist eine wahre Freude“) ziert in großen Lettern die Orgelempore. Das innenarchitektonische Zentrum des Saales bildet die 15 Meter breite und 10 Meter hohe Konzertorgel der Firma Alexander Schuke mit 92 Registern und 6.638 Pfeifen.

Stand: 26.09.2023

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Sophie Weinhold
Sophie Weinhold
Die gebürtige Leipzigerin studierte in Passau und Marseille Internationales Management und besitzt ein Faible für Fremdsprachen. Neben Englisch und Französisch spricht sie fließend spanisch und italienisch. Bereits als Zwölfjährige führte sie internationale Austauschschüler durch die Stadt und begeisterte sie für Leipzigs Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die Liebe zu Leipzig bestimmt nach wie vor ihre Freizeitgestaltung. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Fahrradtouren in die Umgebung – die kreative Lokalpatriotin findet immer ausreichend Anregungen, um darüber zu schreiben.