Bildlexikon Leipzig

Mendebrunnen

Augustusplatz Ortsteil: Zentrum

Der 1886 erbaute Mendebrunnen im Stil des Neobarock ist die größte und prächtigste Brunnenanlage in Leipzig und zugleich das älteste Bauwerk auf dem Augustusplatz. Er wurde von Adolf Gnauth und Jacob Ungerer erbaut und erinnert als eines der letzten Zeugnisse an den ehemaligen Status des Augustusplatzes als einer der schönsten und größten Stadtplätze Europas.

Von Frau Mende und ihrem Freudenhaus


Der Kontrast des Mendebrunnens zu den umliegenden modernen Bauten könnte kaum größer sein. Die neobarocke Anlage verkörpert die einstige Pracht des Augustusplatzes. Der Name des Brunnens geht auf seine Stifterin Marianne Pauline Mende zurück. Die 1881 verstorbene Witwe des Leipziger Kaufmanns Ferdinand Wilhelm Mende verfügte in ihrem Testament von 1867 die Stiftung eines Brunnens, welcher der Verschönerung der Stadt dienen sollte. Da die Baukosten von rund 189.000 Goldmark durch die von ihr gestiftete Summe von 150.000 Goldmark nicht gedeckt werden konnten, wurde die Differenz aus dem Nachlass des Bankiers und Kaufmanns Franz Dominic Grassi entnommen. Grassivermachte der Stadt nach seinem Tod sein Gesamtvermögen in Höhe von 2,3 Millionen Goldmark, wovon zahlreiche Bauten und Denkmale Leipzigs finanziert wurden. Einem Gerücht des Schriftstellers und Journalisten Egon Erwin Kirsch zufolge soll Marianne Pauline Mende ein anrüchiges Etablissement betrieben haben, in welchem die „feinsten Herren der Stadt“ verkehrten. Auch den Damen, die in der offenen Einrichtunggewissermaßen zu Hause waren, wurde die Kunst der „vollendeten Unterhaltung“ nachgesagt. Aufgrund des Gerüchts, Frau Mende würde ein solches Freudenhaus betreiben, soll die Stadt Leipzig zunächst gezögert haben, ihre Stiftungssumme anzunehmen. Dass der Brunnen dennoch gebaut wurde, war der Tatsache zu verdanken, dass Marianne Pauline Mende Trägerin des Königlich Sächsischen Sidonien-Ordens war und sich hingebungsvoll um die im Deutsch-Französischen Krieg verwundeten Soldaten gekümmert haben soll. Damit wurde sie von jeglicher Kritik freigesprochen und die Planungen für den Bau des Brunnens konnten beginnen.

Römisches Flair auf Europas ehemals schönstem Platz


Im Zuge einer ersten Ausschreibung für die Errichtung der Brunnenanlage 1882 wurden 38 Entwürfe bei der städtischen Bauverwaltung eingereicht. Zwar erhielten die Berliner Architekten Stöckhardt und Hofmeister den ersten Preis, allerdings wurde keiner der Entwürfe für die bauliche Umsetzung freigegeben. Nach einer zweiten erfolglosen Ausschreibung erhielten schließlich der Nürnberger Oberbaurat Adolf Gnauth und der Münchner Bildhauer Jacob Ungerer für ihre Entwürfe 1883 den Bauauftrag. Die Pläne sahen eine neobarocke Brunnenanlage vor, welche sich stark am Vorbild römischer Stadtbrunnen des Barock, darunter der Trevi-Brunnen und der Vier-Ströme-Brunnen von Gianlorenzo Bernini auf der Piazza Navona in Rom, orientierten. Nach Gnauths Tod 1884 vollendete Stadtbaudirektor Hugo Licht die planerischen Arbeiten, während sich Ungerer der Entwürfe für die Bronzefiguren des Brunnens annahm. Die fertige Brunnenanlage wurde schließlich am 2. September 1886 feierlich eingeweiht.

Der Mendebrunnen entfaltete bis zum Zweiten Weltkrieg eine unvergleichliche Wechselwirkung mit den ihn umgebenden Bauten aus dem 19. Jahrhundert. Er korrespondierte mit dem Museum der bildenden Künste, das an der Stelle des heutigen Gewandhauses stand und dem gegenüberliegenden Neuen Theater. Wie durch ein Wunder überstand der Mendebrunnen als einziger Bestandteil des ursprünglichen Gebäudeensembles die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.

Im Zuge der sozialistischen Neugestaltung des Augustusplatzes und dem Abriss zahlreicher Gebäude verlor der Brunnen seine Funktion als Bindeglied zwischen den Bauten und der Platzanlage, die man im August 1945 in Karl-Marx-Platz umbenannte. Während der Bauarbeiten für das Neue Gewandhaus wurde der Brunnen 1970 demontiert und zwölf Jahre, bis zu seiner Wiedereinweihung 1982, eingelagert. Den restaurierten Mendebrunnen positionierten die Stadtplaner etwas abseits seines einstigen Standorts vor dem 1981 eingeweihten Gewandhaus. Seitdem wirkt er angesichts des modernen Ensembles auf dem Augustusplatz etwas verloren, woran auch die erneute Demontation und Restaurierung sowie die nochmalige Umgestaltung des Platzes zwischen 1996 und 1998 nichts änderten. 

Fabelwesen des Wassers vor neobarocker Kulisse


Der neobarocke Mendebrunnen bildet seit mehr als 130 Jahren ein zentrales und kontinuierliches Element auf dem sich stark veränderten Augustusplatz. Im Vergleich zu den umliegenden Bauten wirkt die historische Brunnenanlage beinahe exotisch. Der aus rotem Meißner Granit geschaffene Brunnen stellt eine Allegorie auf das Wasser, dessen Kraft und lebensspendende Wirkung für den Menschen sowie seine Bedeutung für die einstige Handelsstadt von Weltrang dar. Die Wirtschaft Leipzigs florierte nicht zuletzt durch die städtischen Gewässer, wie die Pleiße und die Weiße Elster, welche als wichtige Transportwege dienten. Der maritime Bezug des Brunnens wird durch zahlreiche Gestaltender griechischen Mythologie verkörpert und repräsentiert die künstlerische Darstellung der gesamten Wasserwelt. Ein mit Wasser befülltes und aufwändig umpflanztes Sandsteinbecken bildet die äußerliche Begrenzung der Brunnenanlage, welche laut dem Naturphilosophen Gustav Theodor Fechner einen das Land umgebenden Ozeanversinnbildlicht. Auf dem inneren Beckenrand befinden sich vier vorspringende Eckpunkte mit wappenartigen Bekrönungen, die von jeweils zwei wasserspeienden Delfinen begrenzt werden. Diese stehen sinnbildlich für die Flussmündungen, welche das Wasser zu den Ozeanen transportieren. Im Becken befindet sich eine etwas kleinere und höhere Brunnenschale aus rotem Granit, welche von der Firma Erhardt Ackermann in Weißenstadt geschaffen wurde. Zwei sich kraftvoll aufbäumende Hippokampen – fischschwänzige, flossenflügelige und pferdeköpfige Meeresungeheuer – verkörpern die Gefahren des Wassers und werden jeweils von einem sie bändigenden und in ein wasserspeiendes Muschelhorn blasenden Triton, Sohn des Poseidon, am Zügel gehalten. Dieses Bild soll die Herrschaft des Menschen über die Meeresgewalten verkörpern. 

In der Mitte der Schale befindet sich ein charakteristischer 18 Meter hoher und mit einem goldenen Stern bekrönter Obelisk. Auf den abgeschrägten Eckpunkten von dessen unteren Sockelabsatz sitzen vier fischschwänzige Nereiden, welche die sanfte Seite des Wassers sowie den Nutzen symbolisieren, welcher sich den Menschen aus dem Ozean bietet. An den gegenüberliegenden Seiten des Obelisken sind zwei Delfinmasken und zwei Löwenmasken angebracht, welche in die darunterliegenden Muscheln Wasser speien. Auf der Südseite der Delfinmasken ist die Inschrift „Errichtet aus dem Vermächtnisse der Frau Marianne Pauline Mende geb. Thieriot 1886“ angebracht, während die Nordseite die Verse des zeitgenössischen Dichters Paul Heyse wiedergibt: „Zum Himmel streben in frischer Kraft, der Erde geben, was Segen schafft, in laut’rer Helle lehrt es die Welle“. Auf dem Sockelabsatz oberhalb der Nereiden befinden sich auf Fröschen und Krebsen stehend vier geflügelte und auf Muschelhörnern blasende Putten, welche in Richtung Himmel weisen und den fruchtbringenden Regen abbilden. 

Der Mendebrunnen zieht heute viele vorbeieilende Passanten und Fotografen in seinen Bann. Er bietet einen Rückzugsort und Platz zum Entspannen, während außerhalb des um den Brunnen gruppierten Kreises aus Bänken der Trubel der Stadt beobachtet werden kann.

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Historisches Bildmaterial - Mendebrunnen

Sophie Weinhold
Sophie Weinhold
Die gebürtige Leipzigerin studierte in Passau und Marseille Internationales Management und besitzt ein Faible für Fremdsprachen. Neben Englisch und Französisch spricht sie fließend spanisch und italienisch. Bereits als Zwölfjährige führte sie internationale Austauschschüler durch die Stadt und begeisterte sie für Leipzigs Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die Liebe zu Leipzig bestimmt nach wie vor ihre Freizeitgestaltung. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Fahrradtouren in die Umgebung – die kreative Lokalpatriotin findet immer ausreichend Anregungen, um darüber zu schreiben.