Bildlexikon Leipzig

Goethe-Denkmal

Naschmarkt Ortsteil: Zentrum

Das 1903 eingeweihte Goethe-Denkmal befindet sich auf dem Naschmarkt vor der Alten Handelsbörse. Es zeigt den von Carl Seffner geschaffenen jungen Goethe während seiner Studienzeit in Leipzig von 1765 bis 1768. Dabei handelt es sich um das erste und einzige öffentliche Denkmal zu Ehren des berühmten Dichters in der Messestadt.

Ein marmorner Goethe für die Messestadt


Leipzig zählt zu einer der bedeutsamsten Wirkungsstätten Johann Wolfgang Goethes in Deutschland. Der junge Dichter kam am 3. Oktober 1765 als 16-jähriger für sein Jurastudium in die Messestadt und verbrachte bis zum 28. August 1768 drei Jahre seines Lebens dort.

Im Gegensatz zu anderen Goethe-Städten wie Weimar oder Frankfurt am Main, machte man sich in Leipzig vergleichsweise spät Gedanken um ein Denkmal zu Ehren des berühmten Dichters. Erst mit dem nahenden Goethe-Jubiläum anlässlich seines 150. Geburtstags 1899 wurde die Idee für ein repräsentatives Standbild konkreter. Dazu trugen maßgeblich der Leipziger Stadtarchivar und -bibliothekar Gustav Wustmann sowie sein einstiger Schüler und zwischenzeitlicher Direktor des Museums der bildenden Künste, Julius Vogel, bei. Der Überlieferung nach skizzierte der bekannte deutsche Bildhauer Carl Seffner auf Vogels Ansinnen hin um 1895 ein Standbild des jungen Goethe. Daraufhin schloss sich ein Denkmalkomitee zusammen, darunter die Bürgermeister Bruno Töndlin und Otto Georgi, und startete 1898 einen Spendenaufruf. Zunächst war die Errichtung einer entsprechenden Marmorstatue in einer Grünanlage, z.B. im Rosental, auf dem Alten Johannisfriedhof an Käthchen Schönkopfs Grab oder am Schwanenteich, angedacht. Aufgrund von fehlenden Mitteln ließ sich ein solches Denkmal jedoch nicht bis zum Jubiläumsjahr 1899 umzusetzen.

Vom Turnlehrer Wehner zum Bronzenen Goethe


Ein weiterer Entwurf Seffners aus dem Jahr 1897 sah ein barockisierendes Postament mit den seitlichen Porträtmedaillons von Friederike Oeser und Käthchen Schönkopf vor. Nach der Ausstellung des Entwurfs im Leipziger Kunstverein 1899 wurde der Standort des nunmehr als Bronzestatue geplanten Denkmals im Mai 1901 auf dem Naschmarkt festgelegt. Ein entsprechendes Probemodell mit einem dem Standort entsprechenden schlichteren Empire-Sockel wurde bereits im selben Monat aufgestellt. Dieses schenkte Seffner 1910 der Nikolaischule, während Julias Vogel ein passendes Postament stiftete. Beides ging jedoch im Zuge der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verloren

Als Vorlage für den Guss des jungen Goethe diente Seffner das lebende Modell des 28-jährigen Turnlehrers Carl Wehner mit einem entsprechenden Theaterkostüm. Da dem Bildhauer kein Bildnis des Leipziger Goethe vorlag, orientierte er sich an Porträts aus späteren Lebzeiten und an einer Lebendmaske aus dem Jahr 1807. Das Denkmal Carl Seffners prägt seitdem die Vorstellung Goethes während seines dreijährigen Aufenthalts in Leipzig, obgleich der Dichterdamals wesentlich jünger war und anders aussah. Die Kosten des Denkmals beliefen sich auf rund 44.000 Mark, wovon die Stadt jeweils 10.000 Mark aus dem Vermächtnis von Franz Dominic Grassi und aus der Ferdinand-Rhode-Stiftung bezuschusste. Das Goethe-Denkmal wurde am 28. Juni 1903 auf dem Naschmarkt vor der Alten Handelsbörse eingeweiht.

Käthchen und Friederike neben dem jungen Dichter


Das 2,65 Meter hohe bronzene Goethe-Standbild steht auf einem 2,50 Meter hohen Sockel aus rotem Granit nach Entwürfen des Architekten Max Bischoff und zeigt den galanten jungen Goethe im Rokokokostüm. In der rechten Hand hält er ein kleines Gedichtbüchlein. Einer historischen Interpretation zufolge kommt Goethe gerade von einem Spaziergang aus dem Rosental und läuft über den Naschmarkt in Richtung Auerbachs Hof, wo sein Freund Ernst Wolfgang Behrisch wohnt. Im mehretagigen Weinkeller des Gebäudekomplexes soll sich 1525 der Fassritt von Faust und Mephisto abgespielt haben, den Goethe in seinem Drama Faust I verewigte. Diese Legende wird bis heute am authentischen Ort, in Auerbachs Keller, lebendig gehalten. Durch das Schrittmotiv auf dem Goethe-Denkmal verlieh Seffner dem jungen Dichter eine ungezwungene, natürlich wirkende Leichtigkeit, die an die landläufigen Werther-Vorstellungen erinnert. Außerdem soll der „Schritt“ symbolisch für die Entwicklung vom jungen Leipziger Studenten zum Dichter-Genie stehen.

Die Vorderseite des Postaments trägt auf einem lorbeerumkränzten Goldmedaillon die Inschrift „Johann Wolfgang Goethe“. Auf der Rückseite wird mit den Lettern „Student in Leipzig 1765-68“ an seinen Leipzig-Aufenthalt erinnert. Zu beiden Seiten des Postaments sind die marmornen Medaillons zweier Mädchenbildnisse angebracht. Bei dem frontalen östlichen Relief rechterhand handelt es sich um Anna Katharina „Käthchen“ Schönkopf, die Tochter des Wirts, in dessen Gasthof Goethe während seiner Studienzeit in Leipzig sein Mittagsessen einzunehmen pflegte und die zugleich seine erste große Liebe war. Das westliche Relief auf der linken Seite zeigt im Seitenprofil Friederike Oeser nach einer Zeichnung ihres Vaters um etwa 1768. Zur Tochter seines Leipziger Zeichenlehrers, dem bedeutenden Maler Adam Friedrich Oeser, pflegte Goethe eine freundschaftliche Beziehung. Die beiden anmutigen Bildnisse stellen einen festen lokalen Bezug zur Stadt dar und zeigen das mit Leipzig verbundene dichterische Werk Goethes auf. Die Lorbeerverzierungen repräsentieren ein typisches Graphikmotiv während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der Zeit vor Goethes Leipzig-Aufenthalt, und stellen zugleich einen gestalterischen Bezug zur dahinter liegenden Alten Handelsbörse dar.

Beim von Carl Seffner geschaffenen Goethe-Denkmal handelt es sich, abgesehen von der verlorenen Fassadenfigur an der Universitätsbibliothek des Bildhauers Melchior zur Strassens, um das erste und nach wie vor einzige öffentliche Denkmal zu Ehren des Dichters in Leipzig. Da keine authentischen Goethestätten mehr in Leipzig existieren, repräsentiert das Goethe-Denkmal auf dem Naschmarkt eine Art Lebenszeugnis aus der Leipzig-Zeit des jungen Goethe.

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Historisches Bildmaterial - Goethe-Denkmal

Sophie Weinhold
Sophie Weinhold
Die gebürtige Leipzigerin studierte in Passau und Marseille Internationales Management und besitzt ein Faible für Fremdsprachen. Neben Englisch und Französisch spricht sie fließend spanisch und italienisch. Bereits als Zwölfjährige führte sie internationale Austauschschüler durch die Stadt und begeisterte sie für Leipzigs Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die Liebe zu Leipzig bestimmt nach wie vor ihre Freizeitgestaltung. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Fahrradtouren in die Umgebung – die kreative Lokalpatriotin findet immer ausreichend Anregungen, um darüber zu schreiben.
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