Bildlexikon Leipzig

Alter Johannisfriedhof in Leipzig

Johannisplatz Ortsteil: Zentrum-Südost

Der unmittelbar hinter dem Grassimuseum gelegene Alte Johannisfriedhof ist der älteste Friedhof der Stadt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er zum Park umgestaltet und wird seitdem als denkmalgeschützte, museale Grünanlage genutzt. Der Friedhof zeichnet sich durch seine Epitaphien und seinen alten Baumbestand aus.

Spiegel der Stadtgeschichte


Die Geschichte des Alten Johannisfriedhofs reicht mehr als 700 Jahre zurück und spiegelt die Leipziger Stadtentwicklung auf besondere Weise wider. Im Jahr 1278 erwarb die Genossenschaft der Leprakranken vier Morgen Land vor dem Grimmaischen Tor. Ende des 13. Jahrhunderts wurde dort schließlich ein Hospital für Leprakranke mit angrenzender Friedhofsanlage errichtet. Im Jahr 1305 wurde erstmals eine Kapelle auf dem Gelände erwähnt, die Johannis dem Täufer – dem Schutzheiligen der Leprakranken – geweiht war. Dabei handelte es sich um die spätere Johanniskirche, die bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg das Zentrum des Friedhofs darstellte. 1476 wurde der Friedhof zum ersten Mal erweitert und im selben Jahr als „Stadtgottesacker“ geweiht. 

Als auf anderen Friedhöfen immer wieder hygienische Probleme und sogar die Pest auftraten, bestimmte Herzog Georg von Sachsen den Friedhof schließlich im Jahr 1536 zum alleinigen Begräbnisplatz der Stadt. Allein zwischen 1484 und 1834 wurden rund 257.000 Bestattungen vollzogen. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Friedhof systematisch erweitert und es entstand eine streng architektonische Anlage mit Gruftbauten entlang der Umfassungsmauer. Nach schweren Verwüstungen im Dreißigjährigen Krieg wurde der Friedhof wieder wiederhergestellt. Unter dem Altarraum der Johanniskirche wurden 1750 Johann Sebastian Bach und 1769 der Dichter Christian Fürchtegott Gellert beigesetzt. Gellerts Gebeine befinden sich heute auf dem Südfriedhof, Bachs sterbliche Überreste wurden 1950 in die Thomaskirche überführt. Während der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 diente der Friedhof als Lager für Gefangene und Verwundete. Die Johanniskirche wurde als Lazarett genutzt. Bis zur letzten offiziellen Bestattung am 24. Dezember 1883 wurde die Anlage um mehrere Abteilungen nach Osten ausgedehnt.

Auf dem Weg zur Neugestaltung


Mit der Verbreiterung des Täubchenwegs und der Prager Straße sowie dem Bau der Gutenbergschule ab 1928 wurden die ursprünglichen Friedhofsgrenzen nach vorheriger Erweiterung von allen Seiten wieder stark begrenzt. Mit Errichtung des benachbarten Grassimuseums zwischen 1925 und 1929 wurden die westlichen Abteilungen I und II des Alten Johannisfriedhofs nach ihrer Säkularisierung überbaut und flächenweise zu Grünanlagen mit vereinzelten Grabmälern umgestaltet. Durch die sukzessive Begrenzung des Friedhofs verloren auch viele Gräber ihren ursprünglichen Standort. Die im Zweiten Weltkrieg beschädigte Johanniskirche wurde 1949 schließlich gesprengt. In den Nachkriegsjahrzehnten geriet der Johannisfriedhof zunehmend in Vergessenheit und verwahrloste. Im Jahr 1981 wurde er schließlich für Sanierungsarbeiten geschlossen, welche sich bis zur Wiedereröffnung 1995 hinzogen.

Grabmalkunst vom alten Ägypten bis zum Barock


Heute zeichnet sich der Alte Johannisfriedhof durch großzügig angelegte Rasenflächen und Altbaumbestände aus. Infolge der Instandsetzung wurden die Abteilungen III, IV und V nach historischen Plänen neugestaltet: Es entstand ein geordnetes Lapidarium mit Grabmonumenten des Neuen Johannisfriedhofs, dem heutigen Friedenspark. Auf dem Friedhof wurden zudem Tafeln angebracht, die über die zahlreichen stadt- und kunsthistorisch bedeutenden Einzelgrabmäler auf den Rasenflächen und an den Friedhofsmauern informieren. Die etwa 400 erhaltenen Grabmäler vereinen heute einen interessanten Abriss der Leipziger Grabmalkunst aus Barock, Klassizismus und Historismus. Von den bis zum 20. Jahrhundert typischen Gruftbauten ist heute lediglich die Baumgärtnersche Gruft erhalten. Die barocke Grabstätte wurde 1726 von Christian Döring und 1825 vom Verlagsbuchhändler Friedrich Gotthelf Baumgärtner erworben. Sie befindet sich hinter dem Grassimuseum. 

Besonders eindrucksvoll sind die zahlreichen Gestaltungselemente und Symbole an den Grabstätten aus den Jahrhunderten. An Sockel in Säulen- oder Würfelform mit bekränzten oder tuchumhüllten Urnen reihen sich Stelen und lebensgroßen Marmorfiguren. Eine Sandsteinsäule mit ägyptischen Ritzzeichnungen sowie hieroglyphischer und griechischer Inschrift wurde zu Ehren des Ägyptologen Friedrich August Wilhelm Spohn errichtet. Auch eine einmalige Vielfalt symbolischer Darstellungen lässt sich auf dem Friedhof wiederfinden: Neben Totenköpfen, Sternen, Gebeinen, Kruzifixen und Palmenzweigen symbolisieren nach unten gerichteten Fackeln das Erlöschen des Lebenslichts. Wer aufmerksam hinschaut, kann das Symbol des Schmetterlings als Zeichen der Metamorphose, ebenso wie Gerippe, Lorbeerkränze und Schwerter entdecken.

Ruhestätte bedeutender Persönlichkeiten


Auf dem Alten Johannisfriedhof werden viele bedeutende Persönlichkeiten der älteren Geschichte Leipzigs geehrt, darunter Richard Wagners Vater, Mutter und Schwester. Auch die Gräber von Goethes Jugendliebe Anna Katharina Schönköpf, von ihm „Käthchen“ genannt, sowie im Lapidarium von der Verlegerfamilie Brockhaus und Anton-Philipp-Reclam. Weiterhin haben auf dem Friedhof berühmte Bürgermeister wie Wilhelm Otto Koch und Bruno Tröndlin, engagierte Frauenrechtlerinnen wie Auguste Schmidt und Loise Otto-Peters, Unternehmer wie Karl Erdmann Heine oder prominente Teilnehmer der Völkerschlacht bei Leipzig wie John Motherby und Karl Friedrich Friccius ihre letzte Ruhe gefunden. Spaziergänger werden auf dem Friedhof auf weitere bekannte Namen stoßen wie z.B. auf Thomaskantor Christian Weinlig, der als Komponist und Lehrer Richard Wagners in die Geschichte einging. An Carl Friedrich Zöllner, der mit seinem Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ berühmt wurde, erinnert ein Grabstein sowie im Rosental das Zöllner-Denkmal

Höhepunkte der Grabmalkunst


Einige besonders wertvolle Objekte der Grabmalkunst befinden sich an einer Reliefwand. Ganz links fällt eine Reliefgrabtafel mit hervorstehenden Figuren von Joseph Kaffsack ins Auge. Diese gehörte zum Grab der Buchhändlerfamilie Karl Franz Köhler. Daneben befindet sich das prachtvolle Familiengrab des Apothekers und Homöopathen Willmar Schwabe. Auf der Grababdeckung steht die übergroße Statue einer attraktiven jungen Frau, die sich einen Schleier über den Kopf zieht und den linken Arm sehnsuchtsvoll zum Himmel streckt. Entworfen hat sie der Bildhauer Josef Mágr, ebenso die beiden an der Wand angebrachten Reliefplatten. Sehenswert ist auch das 2017 wieder aufgestellte schmiedeiserne Tor der 1746 abgerissenen Pomselschen Gruft. Es befindet sich am Originalstandort.

Faust wird zu Grabe getragen


Anlässlich des Goethe-Jahres 1999 inszenierte der damalige Schauspiel-Intendant Wolfgang Engel eine siebenstündige Theater-Inszenierung „Faust I und II“, bei der auch der Alte Johannisfriedhof Aufführungsort war. Hier liegt Rosalie Marbach begraben, die erste Leipziger Gretchen-Darstellerin. Mit Bussen fuhr das Publikum vom Auerbachs Keller zum Friedhof und erlebte hier im Fackelschein ein mystisches Satyrspiel und Fausts Grablegung als augenzwinkerndes Ende.

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Historisches Bildmaterial - Alter Johannisfriedhof in Leipzig

Sophie Weinhold
Sophie Weinhold
Die gebürtige Leipzigerin studierte in Passau und Marseille Internationales Management und besitzt ein Faible für Fremdsprachen. Neben Englisch und Französisch spricht sie fließend spanisch und italienisch. Bereits als Zwölfjährige führte sie internationale Austauschschüler durch die Stadt und begeisterte sie für Leipzigs Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die Liebe zu Leipzig bestimmt nach wie vor ihre Freizeitgestaltung. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Fahrradtouren in die Umgebung – die kreative Lokalpatriotin findet immer ausreichend Anregungen, um darüber zu schreiben.
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