Bildlexikon Leipzig

Mendelssohn-Haus

Goldschmidtstraße 12 Ortsteil: Zentrum-Südost

Das 1844 errichtete Mendelssohn-Haus im Stil des Spätklassizismus und Biedermeiers war zwischen 1845 und 1847 Wohn- und Sterbehaus des Gewandhauskapellmeisters Felix Mendelssohn Bartholdy. Es ist europaweit die letzte erhaltene Privatadresse des berühmten Komponisten und beherbergt heute ein Museum.

Vom ersten Gewandhauskapellmeister mit Taktstock


Leipzig gilt seit jeher als Musikstadt von Weltrang und war Heimstatt vieler berühmter Musiker. Unweit des Gewandhauses in der Goldschmidtstraße 12, früher Königstraße 5, befindet sich das Mendelssohn-Haus, welches als Wohn- und Sterbehaus des bedeutendsten Komponisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Felix Mendelssohn Bartholdy, von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung für die Stadt ist. Es ist zudem Station auf der Leipziger Notenspur.

Das Mendelssohn-Haus wurde 1844/45 vom Maurermeister Johann Heinrich Waltherjunior als viergeschossiges Wohnhaus im Stil des Spätklassizismus und Biedermeiers errichtet. Als der 26-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy im Herbst 1835 nach Leipzig kam, um den Posten des Gewandhauskapellmeisters anzutreten, herrschte in der aufstrebenden und schnell wachsenden Handelsstadt ein aufklärerischer Geist. Leipzigs ganzer Stolz galt der Musik, insbesondere dem Gewandhaus und seinem Orchester. Mendelssohns ersten Auftritt als Gewandhauskapellmeister am 4. Oktober 1835 beschrieb Robert Schumannbegeistert: „Hunderte Herzen flogen ihm zu im selben Augenblick“. Mendelssohn war dabei der erste Gewandhauskapellmeister, der einen Taktstock benutzte. Im Jahr 1837 heiratete erCécile Jeanrnaud und das junge Paar bezog eine geräumige Wohnung nahe der ehemaligen Pleißenburg. Nach zwischenzeitlichen Verpflichtungen in Berlin kehrten der Gewandhauskapellmeister und seine Familie 1845 endgültig nach Leipzig zurück und bezogen die Beletage mit neun Zimmern in der Königstraße 5. Mendelssohn läutete auch die Renaissance der Musik von Johann Sebastian Bach ein und brachte das erste Bach-Denkmal in den Grünanlagen des Promenadenrings vor der Thomaskirche auf den Weg. Im Jahr 1843 gründete Mendelssohn in Leipzig das Conservatorium. Es handelte sich um die erste Musikhochschule in Deutschland. 

Die Nachricht vom frühen Tod seiner Schwester Fanny Hensel am 14. Mai 1847 schockte ihn zutiefst, so dass er sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog und mehrere Monate Urlaub machte. Nach zahlreichen Schlaganfällen verstarb der begnadete Künstler am 4. November 1847 im Alter von 38 Jahren in seiner Leipziger Wohnung.

Vom Fotolabor zum Museum mit internationaler Strahlkraft


Die bereits seit dem 19. Jahrhunderts einsetzende und unter den Nationalisozialisten gipfelnde Verachtung von Musikern mit jüdischer Herkunft sorgte für die Diffamierung von Mendelssohns reichem Werk, welches teilweise in Vergessenheit geriet. Auch während der DDR-Zeit verwahrloste das Mendelssohn-Haus. Die Wohnetage der Mendelssohns wurde zwischenzeitlich als Fotolabor genutzt und kaum jemandem war bekannt, dass der berühmte Kapellmeister in ebendiesem Haus seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Als nach 1989 Pläne zur Umgestaltung des Gebäudes in ein Möbelhaus oder gar zu dessen Abriss auftauchten, wurde auf Initiative des damaligen Gewandhauskapellmeisters Kurt Masur1991 die Internationale Mendelssohn-Stiftung e.V. ins Leben gerufen. Der Verein erwarb das Wohnhaus samt Grundstück und machte es sich zur Aufgabe, das Gebäude vor weiterem Verfall zu bewahren, umfassend zu sanieren und zum Kulturzentrum mit internationaler Strahlkraft umzugestalten. Dank der finanziellen Unterstützung weltweiter Sponsoren gelang es der Stiftung, das Mendelssohn-Haus anlässlich des 150. Todestages Felix Mendelssohn Bartholdys am 4. November 1997 nach nur 11-monatiger Sanierungszeit als Museum zu eröffnen. Das Mendelssohn-Haus wurde 2001 als ein „Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung“ in das Blaubuch der Bundesregierung aufgenommen.

Multimediale Ausstellungsräume in authentischen Gemäuern


Das Mendelssohn-Haus gilt als herausragendes Beispiel der selten gewordenen spätklassizistischen Wohnhausarchitektur. Seit der Eröffnung 1997 werden in der restaurierten Neun-Zimmer-Wohnung der Mendelssohns im ersten Obergeschossauthentische Einblicke in das Leben und Wirken des berühmten Musikers sowie in die Wohnkultur des Klassizismus und Spätbiedermeiers gegeben. Die nachempfundenen Wohn- und Arbeitsbereiche sind mit originalen Möbeln, Noten und Briefen des Komponisten ausgestattet. Dazu gehören ein Mäntelchen im Kinderzimmer von Sohn Carl, Nähutensilien im Kabinett von Gattin Cécile und ein originales Kochbuch. Von Mendelssohns Begabung als Aquarellmaler und Zeichner zeugen zahlreiche Bilder an den Wänden. Der Musiksalon in der Beletage, wo einst Mendelssohns Musikparthien stattfanden und namhafte Persönlichkeiten wie Richard Wagner oder Robert Schumann und Clara Schumann zu Besuch waren, dient der aktiven Aufrechterhaltung des musikalischen Erbes Mendelssohns. Hier finden jeden Sonntag um 11 Uhr kammermusikalische Konzerte verschiedenster Musikepochen von renommierten oder aufstrebenden Künstlern statt.

Seit 2014 wird im Erdgeschoss des Mendelssohn-Hauses mit Hilfe von modernster Technik eine interaktive Annäherung an Mendelssohns Musik gewährleistet. Im Effektorium gruppieren sich um ein Dirigentenpult mit Touchscreen 13 Stelen, welche das Mendelssohnsche Orchester verkörpern. Der Besucher kann in einigen Werken des berühmten Komponisten zwischen modernen und historischen Instrumenten sowie zwischen den Konzertorten wählen und das Orchester mit einem Taktstock entsprechend dirigieren. Die dirigierenden Bewegungen entscheiden über Lautstärke und Tempo der Musik, während die Partitur auf einem Bildschirm exakt zu den musikalischen Befehlen mitläuft. Über das Treppenhaus mit der rekonstruierten und teilweise erhaltenen historischen Fassung gelangt man in die erste und zweite Ausstellungsetage. Anlässlich von Mendelssohns 170. Todestags wurde das Museum 2017 um neue Ausstellungsräume im zweiten Obergeschoss erweitert. Dort befindet sich seitdem die weltweit einzige ständige Ausstellung zu Mendelssohns Schwester, der berühmten Komponistin Fanny Hensel. Fannys Lebenswerk wird in sieben Räumen dargestellt, wobei ihr Klavierzyklus „Das Jahr“, bestehend aus zwölf Klavierstücken, welche die 12 Monate eines Jahres symbolisieren, den roten Faden der Ausstellung bildet. Die Ausstellungsräume zeigen unter anderem eine Briefwand, die von Fannys andauerndem Einfluss auf ihren Bruder Felix erzählt und ein großes Wandbild als Schnappschuss der Berliner Wohnung von Fanny und Wilhelm Hensel. Auch das Internationale Kurt-Masur-Institut siedelte sich 2017 im zweiten Obergeschoss an. In einer kleinen Ausstellung wird das musikalische und politische Wirken des bedeutenden Gewandhauskapellmeisters dokumentiert und sein Erbe lebendig gehalten.

Italienischer Palazzo des Spätklassizismus


Das viergeschossige Mendelssohn-Haus ist entsprechend der Epoche des Spätklassizismus schlicht und zweckmäßig mit dennoch großzügiger Fassadengestaltung gehalten. Die Architektur spiegelt die Einflüsse der nach 1830 einsetzenden italienische Neorenaissance wider. Der vom Baumeister Johann Wilhelm Walther junior seitlich aufgeführte quadratische Turm bildet eine Eckdominante, dessen oberste Etage mit Rundbogenfenstern das Gebäude überragt. Die klare geometrische Form des Gebäudes wird durch den unter dem flachen Walmdach liegenden Konsolgesims nochmals hervorgehoben und erinnert an einen italienischen Palazzo mit Flachdach. An das Mendelssohn-Haus grenzt ein gepflegter Garten mit einer Remise, in welcher ein Kindermuseum eingerichtet ist. Im Sommer lädt der Garten zum Verweilen ein und bietet eine einladenden Kulisse für hochkarätige Konzerte. Auch als Ort für Hochzeiten erfreut sich das Mendeleohn-Haus großer Beliebtheit.

Bildergalerie - Mendelssohn-Haus

Historisches Bildmaterial - Mendelssohn-Haus

Sophie Weinhold
Sophie Weinhold
Die gebürtige Leipzigerin studierte in Passau und Marseille Internationales Management und besitzt ein Faible für Fremdsprachen. Neben Englisch und Französisch spricht sie fließend spanisch und italienisch. Bereits als Zwölfjährige führte sie internationale Austauschschüler durch die Stadt und begeisterte sie für Leipzigs Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die Liebe zu Leipzig bestimmt nach wie vor ihre Freizeitgestaltung. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Fahrradtouren in die Umgebung – die kreative Lokalpatriotin findet immer ausreichend Anregungen, um darüber zu schreiben.