Das Paulinum der Universität Leipzig wurde zwischen 2007 und 2017 nach Entwürfen des niederländischen Architekten Erick van Egeraat errichtet. Das Bauwerk am Augustusplatz ist kirchenähnlich gestaltet und multifunktional nutzbar. An gleicher Stelle befand sich zuvor die spätgotische Universitätskirche St. Pauli, volkstümlich Paulinerkirche genannt, die trotz ihrer Unversehrtheit 1968 gesprengt wurde.
Vom Dominikanerkloster zum verlorenen Wahrzeichen
Die Paulinerkirche entstand ab 1231 als Klosterkirche des 1216 gegründeten Dominikanerordens und wurde 1240 dem Heiligen Paulus geweiht. Nach der Säkularisierung plante der Leipziger Stadtrat zunächst den Abriss des Gebäudes, um das Baumaterial zu verkaufen. Auf Initiative des ersten Rektors Caspar Borner wurde das ehemalige Dominikanerkloster jedoch 1543 der 1409 gegründeten Universität Leipzig überlassen. Martin Luther weihte die Kirche zwei Jahre später als Universitätskirche, die fortan sowohl als Gottesdienstraum als auch als Aula genutzt wurde.
Die Universitätskirche entwickelte sich zu einem religiösen und zugleich kirchenmusikalischen Zentrum der Universität. Sie war Wirkungsstätte von Universitätschor und Universitätsorganist. Unter anderem Felix Mendelssohn Bartholdy brachte hier Werke wie „Wie der Hirsch schreit“ und das „Oratorium Paulus“ zur Aufführung. Auch Johann Sebastian Bach wirkte hier zu hohen Festtagen und prüfte 1717 die von Johann Scheibe errichtete Orgel, welche damals als größte in Sachsen galt. Bis ins 19. Jahrhundert diente die Kirche zudem als Begräbnisstätte für Universitätsangehörige und Persönlichkeiten wie Johannes Tetzel, Johann Christoph Gottsched und Christian Fürchtegott Gellert.
Zwischen 1710 und 1712 erhielt der Innenraum eine grundlegende Umgestaltung zum „theatrum academicum“. Von 1897 bis 1899 wurde die von Albert Geutebrück geschaffene klassizistische Ostfassade der Universitätskirche durch eine neogotische Fassade ersetzt. Die Pläne stammten von Arwed Rossbach und lehnten sich an den Dom von Orvieto an.
Ein Gedenkort entsteht
Der Bombenangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943 ließ die Universitätskirche nahezu unbeschädigt. Dennoch wurde sie im Zuge der sozialistischen Neugestaltung des Augustusplatzes am 30. Mai 1968 auf Veranlassung des DDR-Regimes gesprengt – begleitet vom Walter Ulbricht im Vorfeld zugeschriebenen Ausspruch „Das Ding muss weg!“. Zuvor konnten wertvolle Kunst- und Kulturgüter geborgen werden. Die Trümmer der Universitätskirche wurden nach der Sprengung in die etwa zehn Meter tiefe, stillgelegte Etzoldsche Sandgrube, unweit des Völkerschlachtdenkmals, verkippt. Im Mai 2011 eröffnete in der Etzoldschen Sandgrube ein Park und Gedenkort.
Multifunktionaler Neubau am historischen Ort
Nach längeren Auseinandersetzungen über die bauliche Entwicklung des Augustusplatzes wurde ein zusätzlicher Wettbewerb veranstaltet, der ausschließlich die Gestaltung der neuen Platzfassade betraf. Im März 2004 setzte sich der Entwurf des niederländischen Architekten Erick van Egeraat durch. Sein Konzept greift die historische Erscheinung von Augusteum und Universitätskirche auf, interpretiert sie jedoch in einer zeitgenössischen Formensprache. Dadurch entsteht ein visueller Bezug zu den früheren Gebäuden, ohne deren ursprüngliches Erscheinungsbild zu übernehmen. Für die Universitätskirche entstand daraus das Paulinum als kirchenähnliches, multifunktionales Bauwerk, welches fortan für die universitäre und sakrale Nutzung vorgesehen war. Das Gebäude wurde zwischen 2007 und 2017 errichtet und vereint Aula und Universitätskirche. Zuvor erfolgte 2007 der Abriss der alten Universitätsbauten, das Richtfest wurde am 21. Oktober 2008 gefeiert. Noch im Rohbau wurde am 6. Dezember 2009 erstmals ein Gottesdienst gefeiert. Die ursprünglich geplante Fertigstellung zum 600-jährigen Universitätsjubiläum verzögerte sich jedoch deutlich. Zusätzlich führten bauliche Anpassungen zu Baukosten von etwa 117 Millionen Euro.
Zum Paulinum gehören neben Fakultätsräumen ein hallenartiger Saal, der überwiegend als Aula dient und zugleich einen kleinen, kirchlichen Andachtsraum beherbergt. Nach anfänglichen Uneinigkeiten wurde im Dezember 2008 die offizielle Bezeichnung „Paulinum – Aula und Universitätskirche St. Pauli“ für den Neubau festgelegt. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 1. Dezember 2017. Seither dient das Gebäude universitären, kulturellen und kirchlichen Anlässen und verbindet die Erinnerung an die mittelalterliche Paulinerkirche mit den funktionalen Anforderungen eines modernen Universitätsgebäudes.
Zwischen Erinnerung und Neubeginn: Tradition trifft auf Moderne
Das Paulinum steht nahezu an der gleichen Stelle der früheren Universitätskirche St. Pauli. Es greift wesentliche Elemente des historischen Sakralbaus auf, interpretiert sie jedoch in zeitgenössischer Architektur. Der giebelartige Fassadenabschluss orientiert sich am benachbarten Augusteum, hebt sich jedoch durch helle Kalksteinoberflächen vom grün gefassten Nachbarbau ab. Eine zentrale Rolle spielt die großformatige, gotische Fensterrosette im Dachbereich, deren Form an die Rundfenster der alten Universitätskirche erinnert und dem Gebäude einen kirchlichen Ausdruck verleiht. Die asymmetrisch gesetzte Rosette, die hochgezogenen Spitzbogenfenster und die unregelmäßig geführte Stahl-Glas-Konstruktion verweisen symbolisch auf die Sprengung der Universitätskirche 1968. Sie markieren jene Richtung, in die sich das Gotteshaus neigte, bevor es einstürzte. Die Seitenwände zeigen ein horizontales Streifenmuster, das durch senkrechte Glasfelder unterbrochen wird. Neben dem Gebäude erhebt sich ein mit Metall verkleideter, hellerer Turm auf dem Augusteum, der die Glocke der zerstörten Universitätskirche beherbergt. Im Untergeschoss befindet sich an der Stelle der damaligen Kirchengruften eine Fahrradgarage.
Aula und Andachtsraum sind in hellem Weiß gestaltet. Ein an die spätgotische Kreuzrippe erinnerndes Gewölbe und hochformatige Fenster in den Seitenwänden nehmen die charakteristische Raumwirkung der historischen Universitätskirche wieder auf. Hinter dem Altar stehen 16 beleuchtete Glassäulen, die an einen liturgischen Chor erinnern. Eine etwa 16 Meter hohe Glaswand trennt Aula und Andachtsraum, wird zu Gottesdiensten jedoch geöffnet, wodurch die Wirkung des Kirchensaales verstärkt wird. Die 30 Epitaphien an den Längswänden des Altarraums vertiefen den Bezug zur historischen Universitätskirche. Die Hauptorgel auf der Westempore, rund 10 Meter hoch und knapp 7 Meter breit, wurde von der Dresdner Firma Jehmlich Orgelbau gebaut und umfasst 46 Register. Am 5. Oktober 2021 erklang erstmals die Schwalbennestorgel im Andachtsraum des Paulinums anlässlich ihrer Vollendung. Das besondere Instrument nach dem Vorbild einer Renaissanceorgel wurde von der Schweizer Orgelbaufirma Metzler mit den elf noch ausstehenden Registern fertiggestellt.
Zu den bedeutendsten Ausstattungsstücken zählt der aus dem 15. Jahrhundert stammende spätgotische Flügelaltar. Der Paulineraltar zeigt auf seinen Außenseiten Tafelbilder sowie Holzskulpturen und gilt als ältestes mittelalterliches Altarensemble Leipzigs. Vor der Sprengung der Universitätskirche wurde der Altar geborgen, bis 1983 im Georgi-Dimitroff-Museum (heute: Museum der bildenden Künste) im ehemaligen Reichsgericht zwischengelagert und ab 1993 in der Thomaskirche aufgestellt. Seit 2017 befindet sich dieser wieder im Andachtsraum des Paulinums.
Wenige Meter vor dem Paulinum auf dem Augustusplatz steht ein Modell der Universitätskirche St. Pauli, das an deren Weihe 1240, die Sprengung 1968 und die Wiedererrichtung im Jahr 2015 erinnert.
Stand: 30.11.2025













