Bildlexikon Leipzig

Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Bernhard-Göring-Straße 152 | Ortsteil: Connewitz

„Werfen Sie Ihre Unterlagen nicht weg“ steht auf einer Broschüre. Seit ihrer Gründung sammelt die Stiftung Archiv Bürgerbewegung Leipzig im Haus der Demokratie alle Dokumente, Zeugnisse und Fotos vom Widerstand und der Opposition in der DDR, von der Bürgerbewegung und den in den Jahren 1989/90 entstandenen Initiativen und Parteien. Ziel ist es, jene Zeitzeugnisse dauerhaft aufzubewahren, zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vor allem für die jüngere Generation. „Entdeckendes Lernen“ heißt das Zauberwort. Die im Haus der Demokratie beheimatete Einrichtung hat sich als außerschulischer Lernort etabliert, will Schülern einzelne Aspekte der DDR-Geschichte erfahrbar machen. 

Neu ist eine digitale Lernplattform zu Jugendkulturen. Auf dieser sind verschiedene Online-Module für Schüler zu Beat, Heavy-Metal, Breakdance, Punk, Neonazis und rechtsextremen Jugendlichen in der DDR sowie zur Umweltbewegung zu finden. Unter dem Titel „Die andere Jugend“ wird dies der offiziellen Jugendkultur gegenübergestellt.

Verein erarbeitet sich guten Ruf


Seit 1991 hat sich der Verein viel Vertrauen und einen guten Ruf erarbeitet, sorgsam mit den Schätzen der
Friedlichen Revolution umzugehen. Noch immer kommen neue Dokumente hinzu. Nicht wenige der Zeitzeugen, die im Wendeherbst 1989/90 diverse Daten sammeln, heimlich fotografieren oder gar kleine Filme drehen, haben sich inzwischen von ihren Schätzen getrennt. Sie wollen sie wohlbehütet wissen – vielleicht aus Angst, dass die Nachkommen sie irgendwann wegwerfen.

Als Gründungsdatum des Archivs Bürgerbewegung gilt der 23. Mai 1991. Seine Wurzeln liegen aber bereits in den Jahren 1987/88, als Oppositionelle die Idee haben, ein eigenes Kommunikationszentrum und eine Umweltbibliothek aufzubauen. Start ist dann in einer Privatwohnung in der Kurt-Eisner-Straße, die der westdeutsche Historiker Klaus Roewer mietet. „Wer zur Friedlichen Revolution forschte, konnte Unterlagen der SED oder der Staatssicherheit einsehen. Die der Opposition waren hingegen nirgendwo gesammelt“, erinnert sich Uwe Schwabe, der Vorstandsvorsitzende des Archivs. Er ist einer der acht Gründungsmitglieder, die das ändern wollen.

Platzprobleme im Haus der Demokratie


1991 bekommt der Verein zwei ABM-Stellen bewilligt, die die Sammlung aufbauen. Diese soll zunächst ein Teil des
Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig werden und in den Neubau am Böttchergäßchen ziehen. Doch der Verein lehnt das ab, um nicht „in der großen Stadtgeschichte unterzugehen“. Er bezieht Räume in der Markusgemeinde in der Dresdner Straße, später in der ehemaligen Iskra-Gedenkstätte in der Russenstraße sowie im Fregehaus. Mittlerweile ist der Verein, der über die Bundesstiftung Aufarbeitung, die Stiftung Sächsische Gedenkstätten sowie die Stadt Leipzig gefördert wird, im Haus der Demokratie in Connewitz beheimatet.

Dort werden die leeren Regale zusehends rar. Der Bestand umfasst bereits mehr als 250 laufende Meter Archivgut. Allein die Fotosammlung beinhaltet etwa 30.000 Bilder von mehr als 30 Fotografen. Auf einem Großteil der Fotos sind illegale Demonstrationen und Veranstaltungen aus den 1980er Jahren dokumentiert, aber auch Friedensgebete in der Nikolaikirche sowie die Akteure des Herbstes 1989 wie Christoph Wonneberger, Christian Führer, Friedrich Magirius, Uwe Schwabe, Jochen Lässig, Rainer Müller, Michael Arnold und Gesine Oltmanns. Es gibt aber auch Bilddokumente von der Beatdemo 1965, der Niederschlagung des Prager Frühlings oder der Subkultur in der DDR. Persönliche Sammlungen, Vor- und Nachlässe, Zeitzeugeninterviews, Audio- und Videoaufnahmen und vieles andere kommen hinzu.

Darüber hinaus bewahrt die Stiftung Spezialsammlungen auf, wie das komplette Archiv der Vereinigung der Opfer des Stalinismus mit mehr als 1.200 Akten. In dieser Vereinigung organisieren sich ab den 1950er-Jahren Menschen, die in Speziallagern, Gefängnissen und Zuchthäusern der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR leiden müssen und die danach in den Westen Deutschlands fliehen.

Stiftung organisiert Ausstellungen


Ein Großteil der Dokumente wurde bereits in ein Außenlager geschafft. Die Stiftung organisiert zudem Ausstellungen, etwa zur Situation von Ausländern in der DDR, zur Pressefreiheit oder zum Mythos der
Montagsdemonstrationen. Letzteres sei sehr wichtig, betonen die Akteure um Archivleiterin Saskia Paul. Denn Montagsdemos werden auch von Menschen, die heute mit demokratiefeindlichen Ansichten demonstrieren, für ihre Zwecke vereinnahmt. Darüber hinaus arbeitet der Verein Bürgerarchiv mit anderen Leipziger Akteuren in einer Arbeitsgruppe am Projekt Stolpersteine. Dabei soll an die Schicksale von Juden, Sinti und Roma, politisch und konfessionell Verfolgten, Homosexuellen sowie „Euthanasie“-Opfern im Nationalsozialismus erinnert werden. 

Um die Originale vor zu häufiger Benutzung zu schützen, werden ausgewählte Objekte seit 2016 digitalisiert und in einer Online-Datenbank zugänglich gemacht. Dabei ist ein Archivverbund, bestehend aus dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig, der Umweltbibliothek in Großhennersdorf und dem Martin-Luther-King-Zentrum für Gewaltfreiheit und Zivilcourage in Werdau, entstanden. Alle drei sammeln Zeugnisse zu Widerstand und Opposition in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR. Das Leipziger Archiv stellt inzwischen 20.000 Sammelobjekte online zur Nutzung bereit, im eigenen System sind mittlerweile 90.000 digitalisiert.

Stand: 11.03.2024

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Mathias Orbeck
Der in Leipzig-Connewitz geborene und aufgewachsene Journalist ist leidenschaftlicher Radfahrer und Naturliebhaber. 35 Jahre lang arbeitete der Lokalpatriot als Redakteur und Reporter bei der Leipziger Volkszeitung. Inzwischen als freier Autor tätig, gilt sein Interesse nach wie vor Leipzigs Historie sowie den schönen Seiten seiner Heimatstadt, deren Attraktionen er gern Gästen zeigt.
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