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Heizkraftwerk Leipzig Süd

Bornaische Straße 120 | Ortsteil: Lößnig

Es ist das „sauberste Heizkraftwerk“ der Welt. Mehr als 5.000 Besucher wollen sich von dieser Ankündigung überzeugen, mit der die Leipziger Stadtwerke für das neue Heizkraftwerk Leipzig Süd in der Bornaischen Straße 120 werben. Das wird mit einem Bürgerfest am 23. Oktober 2023 offiziell eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings schon einige Monate am Netz. Das Heizkraftwerk ist Ende 2022 in den Dauerbetrieb gestartet – vorerst mit Erdgas. Der kommunale Energieversorger kündigt an, dass in den modernen Anlagen bereits in zwei Jahren Wasserstoff zum Einsatz kommen soll – zumindest als Beimischung. „Damit sichern wir die Energieversorgung und liefern zugleich einen wichtigen Beitrag zum Erreichen unserer Klimaziele“, sagt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung bei der Eröffnung. Die Stadtwerke haben in das Projekt über 180 Millionen Euro investiert.

In der Anlage an der Bornaischen Straße kommen zwei moderne, hocheffiziente Gasturbinen zum Einsatz. Sie befinden sich in einem neu errichteten bronzegoldenen Gebäude. Diese Turbinen sollen das Erdgas besonders sauber verbrennen, heißt es. Garantiert seien „kaum messbare Luftschadstoffe, die weit unter dem Niveau der gesetzlich zulässigen Grenzwerte liegen“, teilen die Stadtwerke mit. Spezielle Katalysatoren sorgen dafür, die wesentlichen Emissionen von Stickstoffoxiden und Kohlenmonoxid zu reduzieren.

Turbinen können grünen Wasserstoff verbrennen


Rund 60 Meter hoch und weithin sichtbar ist der neue „Koloss von
Alt-Lößnig„. Dieser Wärmespeicher (Fassungsvermögen: rund 43.000 Kubikmeter Wasser) speichert die im Kraftwerk erzeugte, aber nicht sofort benötigte thermische Energie. Bei Bedarf wird sie ins Fernwärmenetz eingespeist. Dabei kann die Anlage laut Stadtwerken sehr schnell auf den Energiemarkt reagieren. Das Kraftwerk läuft nur dann auf vollen Touren, wenn nicht genügend Heizwärme aus Sonnen- oder Windenergie zur Verfügung steht. An kalten Wintertagen kann es den Fernwärmebedarf für ein Drittel der Leipziger Haushalte liefern. In diesen sogenannten Dunkelflauten stellt das Kraftwerk Strom und gleichzeitig Wärme bereit. 

Die Siemens-Gasturbinen sind dafür ausgelegt, von Anfang an hohe Anteile von grünem Wasserstoff zu verbrennen. Dieser wird mit Strom aus Solar- und Windkraft erzeugt. Die Herstellung ist allerdings derzeit noch sehr energieintensiv und teuer. Diese technologische Option ermöglicht es jedoch, die Strom- und Wärmeerzeugung perspektivisch vollständig auf erneuerbare Technologien umzustellen. Die Leipziger Stadtwerke wollen sich ab 2025 an einem vom Bund geförderten Entwicklungsprojekt beteiligen – gemeinsam mit dem Turbinen-Hersteller Siemens Energy und der Leipziger Hochschule für Technik Wirtschaft und Kultur (HTWK). Das kündigt Projektmanager Thomas Brandenburg bei der Eröffnung an, die wie ein Volksfest gefeiert wird. Das Unternehmen bedankt sich damit bei Anwohnern auch für die Erschwernisse der Bauphase. Wann grüner Wasserstoff im kommerziellen Betrieb genutzt werden kann, ist derzeit unklar. Das hängt von der Verfügbarkeit des klimaneutralen Gases zu wettbewerbsfähigen Preisen ab. Notwendig ist zudem, eine Wasserstoff-Pipeline zu errichten.

Kraftwerksareal hat lange Historie


Das Areal an der Bornaischen Straße hat eine lange Geschichte für die Energieversorgung Leipzigs. 1895 entsteht zwar in der Eutritzscher Straße auf dem Gelände der ersten städtischen Gasanstalt das erste Elektrizitätswerk Leipzigs. Doch um die Jahrhundertwende kommt der industrielle Aufschwung in Fahrt. Die Bevölkerung wächst rasant, in kurzer Zeit wird eine große Anzahl neuer Firmen, Verwaltungsgebäude und Wohnungen gebaut. Das Elektrizitätswerk Nord stößt an seine Grenzen. Die Erzeugerleistung reicht nicht aus, um den Strombedarf zu decken. Ein zweites Elektrizitätswerk wird daher benötigt.

Die Stadtverordneten entscheiden sich im Februar 1908 für das Gelände im Leipziger Süden, auf dem vorher einmal eine Ziegelei angesiedelt war. Ausschlaggebend ist die Nähe zu den Gleisen der Bahnlinie Leipzig-Altenburg, aber auch zum Schacht Dölitz in der Friederikenstraße. Dort wird Braunkohle gefördert, die zunächst mit Pferdewagen transportiert wird. Eine Zeitlang existiert sogar eine von der Leipziger Firma Bleichert Werke gebaute offene Drahtseilbahn als Transportmittel. Die wird aber stillgelegt als sich Beschwerden der Anwohner über eine Staubbelastung häufen. Die Kohle wird danach per Eisenbahnwaggons angeliefert. Nahe gelegen ist die Mühlpleiße, der Kondensationswasser entnommen werden kann.

Im August 1908 beginnen die Bauarbeiten, im April 1910 geht das neue Kraftwerk mit einem 75 Meter hohen Schornstein in Betrieb. 1925 wird es erweitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ordnet die Sowjetische Militäradministration eine weitgehende Demontage der Kraftwerksanlagen als Reparationsleistung an. Später wird die Anlage als Ernst-Thälmann-Kraftwerk ausgebaut. Im April 1963 kommt es im Maschinenhaus zu einem Großbrand, der den Totalausfall des Werkes nach sich zieht. Danach wird es wieder aufgebaut. 1994 entsteht noch ein mit Erdgas befeuerter Dampferzeuger. Das Kraftwerk wird 1996 stillgelegt, das Gelände aber weiterhin von den Leipziger Stadtwerken genutzt.

Stand: 17.12.2023

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Mathias Orbeck
Mathias Orbeck
Der in Leipzig-Connewitz geborene und aufgewachsene Journalist ist leidenschaftlicher Radfahrer und Naturliebhaber. 35 Jahre lang arbeitete der Lokalpatriot als Redakteur und Reporter bei der Leipziger Volkszeitung. Inzwischen als freier Autor tätig, gilt sein Interesse nach wie vor Leipzigs Historie sowie den schönen Seiten seiner Heimatstadt, deren Attraktionen er gern Gästen zeigt.
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