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Grünau

Grünau | Leipzig
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Der Stadtteil wird seinem Namen längst gerecht – Grünau ist inzwischen wirklich grün. Oasen, wie die Kolonnadengärten, gehören zum Bild. Das ist ein Gemeinschaftsgarten mit Pergola, großem Teich und vielen Beeten, der seit Abriss der Häuser zwischen Mannheimer Straße und Alter Salzstraße regelrecht gewachsen ist. Die Wohnungsgenossenschaft Pro Leipzig eG hat einen Ort der Begegnung und Erholung für alle Generationen geschaffen. Dieser ist ein Beispiel dafür, wie sich Stadtentwickler und Wohnungseigentümer bemühen, das Leben in der Großwohnsiedlung attraktiver zu gestalten. Und sie reagieren auf einen Einwohnerschwund in den 1990er Jahren. Inzwischen ist in Grünau die Wohnzufriedenheit wieder deutlich gestiegen. Das liegt am vielen Grün, aber auch an der guten Infrastruktur sowie vielen Freizeitangeboten. Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Zusammenleben im Stadtteil läuft keineswegs immer reibungslos ab. Kriminalität und Ruhestörungen belasten oft das nachbarschaftliche Verhältnis. Viele Akteure – etwa im Quartiersmanagement – versuchen, gegenzusteuern.

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Eines der größten Neubaugebiete der DDR entsteht


Die ersten Bewohner müssen ihren Weg zur Straßenbahn oft in Gummistiefeln zurücklegen. „Schlammhausen“ wird ein viel verwendeter Begriff für Grünau, die neue Trabantenstadt im Westen von Leipzig. Neben Berlin-Marzahn und Halle-Neustadt ist die Leipziger Großwohnsiedlung Grünau eines der größten Neubaugebiete der DDR. Oberbürgermeister
Karl-Heinz Müller legt am 1. Juni 1976 an der Gärtnerstraße den Grundstein für den neuen Stadtteil. Es ist ein Projekt der Superlative, das am Reißbrett unter Leitung des Leipziger Chefarchitekten Horst Siegel entsteht. Vorher befinden sich die Felder der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Kleinzschocher, das Dörfchen Schönau sowie die Siedlungen Kirschberg und Grünau auf dem Areal. Das ist vier Kilometer lang und zweieinhalb Kilometer breit. Zwölf Jahre wird der neue Stadtteil Grünau aufgebaut.

Wer in den 1970/1980er Jahren dort eine Wohnung ergattert, freut sich riesig. Viele andere Menschen müssen noch in einem der vielen maroden Altbauten der Messestadt wohnen, in die es vielleicht hineinregnet, in denen Kohle geschleppt werden muss, Dächer von Taubenzecken befallen sind, der Gang zur Toilette eine halbe Treppe tiefer oder auf den Hof führt. In den modernen Wohnungen Grünaus gibt es Zentralheizung und ein eigenes Bad. Da nehmen es die neuen Bewohner gerne in Kauf, wenn die Straßen und Kaufhallen nach ihrem Einzug noch nicht fertig sind und sie in überfüllten Straßenbahnen und Bussen zur Arbeit fahren müssen.

Schon im Jahr 1973 will die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, die in der DDR das Sagen hat, das Wohnungsproblem als soziales Problem lösen. Bei einem Wettbewerb, den Leipzig gemeinsam mit dem Ministerium für Bauwesen und dem Bund der Architekten der DDR auslobt, gehen 24 städtebauliche Entwürfe für Grünau ein. Der Aufbau eines völlig neuen Stadtteils kann nur durch eine Industrialisierung der Fertigung erreicht werden: Plattenbauweise, Taktstraßen und rollende Schicht. Die Baukombinate betreiben im Westen Leipzig sieben Taktstraßen gleichzeitig. Bis 1988 entstehen acht Wohnkomplexe in industrieller Montagebauweise.

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Kulkwitzer See ist Naherholung in der Nähe


Im Jahr 1988 leben mehr als 89.000 Menschen in den Wohnsilos in Grünau, wie es damals durchaus süffisant heißt. Die Infrastruktur ist inzwischen gut ausgebaut. Neun Kaufhallen, sechs Jugendklubs, fünf Ambulanzen, neun Dienstleistungszentren, 26 Schulen und 24 Kinderkombinationen zählt die Chronik. Im Oktober des Lutherjahres 1983 wird die evangelische
Pauluskirche eingeweiht, wenige Monate später im Januar 1984 die katholische Kirche St. Martin.

Ein Kino sowie eine Schwimmhalle gibt es allerdings nicht, auch ein eigenes großes Krankenhaus fehlt. Entschädigt werden viele in der Freizeit durch den Kulkwitzer See, das Naherholungsgebiet vor der Haustür. Bis in die 1960er-Jahre hinein wird zwischen Lausen und Miltitz Kohle abgebaut. In den Restlöchern entsteht anschließend durch Flutung bis 1983 der Kulkwitzer See am Rande des Neubaugebietes.

Nach Wegzugswelle werden Häuser abgerissen


1991 kann das letzte Hochhaus in Grünau eingeweiht werden. Doch ein Baustopp für Grünau – eine Geschichte mit Höhen und Tiefen – folgt. Nach der politischen Wende setzt eine regelrechte Wegzugswelle ein. Viele verlieren in den Industriebetrieben ihre Arbeit und suchen sich einen Job im Westen Deutschlands. Besserverdienende erfüllen sich den Traum vom eigenen Haus, etwa in nahe gelegenen Orten wie Lausen und Miltitz, in denen neue Eigenheimsiedlungen aus dem Boden gestampft werden. Plötzlich stehen viele Wohnungen in Grünau leer. Die Wohnungsbaugesellschaften reagieren mit Abriss. Im Dezember 2000 beginnt der Rückbau des ersten Wohngebäudes in der Garskestraße 5.

Im Herzen Grünaus, an der Stuttgarter Allee, bleiben beispielsweise von den ursprünglich neun Hochhäusern nur vier erhalten. Der damalige Bürgermeister Holger Tschense sorgt mit einer „Ideenskizze“ für einen Aufschrei der Empörung. Er will mit 6.000 Wohnungen einen großen Teil des Wohnkomplexes 7 abreißen. Die Idee wird aber schnell zu den Akten gelegt.

Allee-Center und Grünauer Welle öffnen


Hauseigentümer und Stadtplaner versuchen mit vielen Maßnahmen, die Wohn- und Infrastruktur zu verbessern. So werden Häuser modernisiert und mit Wärmedämmfassaden verkleidet, die Haustechnik erneuert, Höfe verschönert. Zu den wichtigen städtebaulichen Entwicklungen in den 1990er Jahren gehört auch der Ausbau der ehemaligen
Kaserne Schönau mit Einfamilien- und Reihenhäusern zum Schönauer Viertel.

An der Stuttgarter Allee öffnet 1996 das Allee-Center samt Kino, mit der Grünauer Welle entsteht im März 1999 eine Schwimmhalle. Im August 2006 wird der Kletterfelsen K4, gebaut aus Abbruchplatten, übergeben. Die ersten Schulen, wie die Joachim-Ringelnatz-Grundschule, werden saniert. Das Heizhaus öffnet als Skaterhalle, das Theatrium erhält eine neue Spielstätte. Zum kulturellen Herz von Grünau gehört auch das Komm-Haus.

Das ändert zunächst wenig daran, der Wohnungsleerstand wächst. Bis 2011 sinkt die Zahl der Einwohner auf etwa 39.700, danach steigt sie wieder an. Abriss wird als Chance gesehen, das Grün zu verbessern. 2013 wird beispielsweise im Wohnkomplex 7 die spöttisch „Eiger-Nordwand“ genannte massive Wohnbebauung abgerissen. Auf einer 5,5 Hektar großen Fläche gedeiht inzwischen ein urbaner Wald.

Große Pläne für Bildungs- und Bürgerzentrum


Das Wachstum ist vor allem auf den Zuzug von Menschen zurückzuführen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Der Anteil von Migranten ist ebenfalls gestiegen. Aber auch Familien entscheiden sich bewusst für den Stadtteil, weil dort alles fußläufig erreichbar ist und es viele Möglichkeiten für Erholung und verschiedene Freizeitaktivitäten gibt. Auch für die Zukunft gibt es große Pläne: Bis 2030 soll ein neues Bildungs- und Bürgerzentrum in der Stuttgarter Allee entstehen. In dem Neubau werden die Angebote der Grünauer Bibliotheken, des
Klubhauses „Völkerfreundschaft“ und der Volkshochschule vereint. Zudem wird eine Dreifeld-Sporthalle integriert.

Stand: 23.05.2024

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Fotograf, Projektleiter und Initiator „Herzkampf“, Gewinner Leipziger Marketingpreis 2025 | geb. Dezember 1984 in Leipzig

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