Bildlexikon Leipzig

Kothe, Michél

Lehrer, Politik- und Erziehungswissenschaftler, Verbandschef Völkerschlacht | geb. am 18. August 1975 in Leipzig

Hin und wieder geht er mit einem „mobilen Museum“ auf Tour in sächsische Schulen: „Geschichte muss lebendig vermittelt werden“, sagt Michél Kothe. Er ist Vorsitzender des Verbandes Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und brennt voller Leidenschaft für die Historie. Mit ihr müsse man sich kontinuierlich auseinandersetzen, um die Ereignisse zu verstehen und einordnen zu können, meint er. Erinnerungen an das blutige Gemetzel der Napoleonzeit werden im Torhaus Dölitz, das der Verband seit 2014 in Regie hat, wachgehalten. Im dortigen Zinnfigurenmuseum sind Dioramen zu sehen, die historische Szenen mittels Zinnfiguren zeigen.

Lebendig Geschichte vermitteln


Kothe und seine Mitstreiter organisieren ebenfalls historische Biwaks sowie Gefechtsdarstellungen auf den ehemaligen Schlachtfeldern im Süden der Messestadt. An den Lagerfeuern des Biwaks sitzen Gäste aus ganz Europa, die friedlich miteinander durch „Living History“ lebendig Geschichte vermitteln wollen. Über Ländergrenzen hinweg sind da viele Freundschaften entstanden, sagt Kothe. Neben Museen und Gedenkstätten, Büchern, Filmen und literarischen Aufarbeitungen in Romanen könne jenes Reenactment – also die möglichst authentische Inszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse – viel zum Gedenken und zur Versöhnung beitragen. „Die Kritik, dass wir Krieg spielen, ist vollkommen ungerechtfertigt“, sagt er. Kritikern entgegnet er immer, dass beispielsweise das Mittelalter und die Römerzeit völlig romantisiert seien. Auch da habe es immer wieder Kämpfe gegeben, „heute wird das Mittelalter in Form von hübschen Mittelaltermärkten und die Römerzeit mit Asterix und Obelix gezeigt“. 

Es geht dem Verband darum, Menschen für Geschichte zu begeistern und überlieferte Berichte durch das eigene Nacherleben zu überprüfen. Das Sammeln ist ein ebenso wichtiger Aspekt, werden dadurch doch historische Artefakte vor der Vernichtung und damit dem Vergessen bewahrt.

Michél Kothe ist beim Verein Preußische Infanterie 1813 dabei. „Ich bin ein Sachse in preußischer Uniform und mit französischem Vornamen“, sagt der gebürtige Leipziger, der in Alt-Paunsdorf aufgewachsen ist. Nach der Schule und Lehre als Industriekaufmann studiert er an der Universität Leipzig Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Journalistik. Mittlerweile unterrichtet er an der Leipziger Semper Fachoberschule in der Hohen Straße Geschichte und Ethik in den Klassen 11 und 12.

Ein Hobby für die ganze Familie


Zu seinem Hobby ist er über den Vater Siegfried, einen Geschichtslehrer, gekommen. Von ihm sei er quasi „rekrutiert“ worden und wie von selbst reingewachsen in die napoleonische Zeit. Am Torhaus Dölitz finden 1991 Dreharbeiten zu einem Film über die historische Stätte und die Gefechte statt. Da sieht er das Torhaus das erste Mal von innen. Im Mai 1992 entschließt er sich, aktiv mitzuwirken. Michél landet ebenfalls bei den Preußen, wie sein Vater, ein Infanterist. Der Senior hat sich inzwischen aus den aktiven Darstellungen zurückgezogen.

Michél Kothe trägt die preußische Uniform eines Premierleutnants – heute würde man Oberleutnant sagen. Dabei wird viel Wert auf eine detailgetreue Uniform gelegt. Bis zum Abstand der Knöpfe muss alles historisch korrekt sein. Als Kopfbedeckung hat er Feldmütze, Tschako oder Zweispitz zur Auswahl. Der Degen in der Lederscheide – ein Nachbau – ist natürlich nicht scharf. Kothe hat zudem die Uniform eines preußischen Unteroffiziers, eines Krankenträgers und historische Zivilkleidung in Schrank.

Mehrmals im Jahr ist er an Stätten der Napoleonischen Zeit unterwegs. Das sind meist verlängerte Wochenenden. Kothes Frau Anja und Tochter Lara sind dabei, teilen das Hobby. Seine Frau, im Biwak meist Marketenderin, lernt er bei den Darstellungen in Großgörschen kennen. Sie heiraten in Uniform nach einer Fahrt mit der historischen Kutsche von Paunsdorf zum Schloss Machern. In gewisser Weise lebt die Familie ein Abenteuerleben: Sie reisen durch ganz Europa an die geschichtsträchtigen Orte, übernachten oft in Burgen oder im Zelt. Oft sind es sieben, acht Reisen im Jahr. Alle fünf Jahre geht es ins belgische Waterloo. In dem kleinen Dorf in der Nähe von Brüssel findet am 18. Juni 1815 die letzte Schlacht Napoleon Bonapartes statt, die zu dessen Abdankung führt.

Dass die Völkerschlacht bei Leipzig eine so große Faszination auf Kothe hat, erklärt er mit der für ihn „spannenden Epoche“. Napoleon sei nicht nur Kriegsherr, auf ihn sind auch im Alltag viele Neuerungen zurückzuführen. Ein Beispiel: Die Konservierung von Nahrungsmitteln geht von Napoleon aus, der einen Wettbewerb zur Haltbarmachung von Lebensmitteln entfachte.

Unterwegs mit dem „Museum mobil“


Seit 2002 ist Kothe im Vorstand des Verbandes, seit 2007 Vorsitzender. Nach wie vor ist das „wandelnde Geschichtsbuch“ mit seinem „Museum mobil“ unterwegs, besucht Schulen und Fortbildungseinrichtungen, um die Völkerschlacht erlebbar zu machen. Er schreibt Beiträge für Bücher, darunter fürs Postkartenbuch zur Völkerschlacht vom Verein Pro Leipzig oder für einen Fotoband des Sax-Verlages. Von seiner Wohnung in Paunsdorf aus kann er abends aufs schön beleuchtete
Völkerschlachtdenkmal in der Ferne gucken.

Er wünscht sich, dass es mehr gemeinsame Veranstaltungen und Aktivitäten des Verbandes Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813 mit den Akteuren des Fördervereins Völkerschlachtdenkmal e.V. gibt. Militär und Denkmal seien zwar ein schwieriges Feld. Die Uniformierten wollen aber nicht nur für gelegentliche Fotos mit Touristen herhalten, sondern auch in inhaltliche Debatten einbezogen werden.

Stand: 29.11.2023

Bildergalerie - Kothe, Michél

Mathias Orbeck
Mathias Orbeck
Der in Leipzig-Connewitz geborene und aufgewachsene Journalist ist leidenschaftlicher Radfahrer und Naturliebhaber. 35 Jahre lang arbeitete der Lokalpatriot als Redakteur und Reporter bei der Leipziger Volkszeitung. Inzwischen als freier Autor tätig, gilt sein Interesse nach wie vor Leipzigs Historie sowie den schönen Seiten seiner Heimatstadt, deren Attraktionen er gern Gästen zeigt.
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