Foto: Leipzig - Gunter BÖHNKE

Böhnke, Gunter

Kabarettist, Autor, Übersetzer | geb. am 1. Sepember 1943 in Dresden
Inhalt des Beitrags
Audiobeitrag: Böhnke, Gunter

Er sieht sich als „Lehrdienstverweigerer“ und blickt gern in die sächsische Seele. Dem Begriff Vollblutsachse stimmt er nicht unumwunden zu, wie Gunter Böhnke im Programm „Auf der Zielgeraden“ bekennt. Immerhin habe er einen ostpreußischen Migrationshintergrund, sagt der Mitbegründer des Kabaretts academixer. Der bekennende Leipziger mit dem Schnauzbart als Markenzeichen liebt den sächsischen Dialekt. „Mir Saggsn gehn nich under“ heißt eines seiner Programme, das wohl auch ein Lebensmotto ist. Gemeinsam mit Peter Ufer gibt er sogar einen „sächsischen Duden“ heraus. Und wenn er von Moddschegiebchn und Diggnischeln erzählt, ist das lehrreich und amüsant zugleich.

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Fotogalerie - Böhnke, Gunter

Fußballer Hamlet mit Leidenschaft für Theater


Geboren wird Gunter Böhnke am 1. September 1943 in Dresden. Er ist im Stadtteil Pieschen geboren. Der Migrationshintergrund erklärt sich so
: Der Vater, ein Gärtner, stammt ursprünglich aus Tapiau in Ostpreußen. Die Mutter ist ein „Fabrikmädel“, wie Böhnke sagt. Von ihr hat er vielleicht das Talent für die Bühne geerbt. Bereits mit fünf Jahren gibt Böhnke dort sein Debüt. Im Märchen „Schneewittchen“ spielt er den vierten Zwerg. 

Mit 12 tritt er am Staatstheater Dresden in einer kleinen Sprechrolle im „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht auf. Später spielt er Schulkabarett und sogar in Produktionen des DDR-Fernsehens mit. Dem Theater bleibt er später einige Jahre als Komparse treu. Seine zweite große Leidenschaft ist der Fußball. Durch die Theateraffinität lautet sein Spitzname auf dem Bolzplatz, auf dem er als Mittelstürmer bei „Chemie Radebeul“ sowie später „Motor Trachenberge-West“ unterwegs ist, Hamlet.

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„Zu wenig Humor“ für die Schauspielschule


Es entsteht der Wunsch, Schauspieler zu werden. Doch nach dem Abitur an der Erweiterten Oberschule „Pestalozzi“ erfüllt sich dieser Traum nicht. Er besteht zwar die Eignungsprüfung, die Aufnahmeprüfung aber zweimal nicht. Da er noch zu jung
wirke, soll er mindestens ein Jahr in die Produktion, heißt es damals. Böhnke schlägt sich als Chemiehilfsarbeiter im Arzneimittelwerk Dresden in der Koffeinherstellung durch. Dort lernt er nebenbei Texte, doch die Schauspielschule bleibt ihm verwehrt. Ein Grund: Er habe „zu wenig Humor“.

Um den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee kommt Gunter Böhnke – sicherlich nicht zu seinem Leidwesen – herum. Er leidet an Narkolepsie. Die Krankheit lässt ihn manchmal in Sekunden in tiefsten Schlummer verfallen. Dies hat er in seinem Buch mit dem Titel „Das mach ich doch im Schlaf“ verarbeitet. Auf der Suche nach einem Untertitel bringt ihn Ehefrau Reinhild auf die entscheidende Idee. Sie möchte wissen, ob er wieder an seinem Heldenepos arbeite? Und das ist jetzt auf dem Buchtitel zu lesen.

1963 zieht Gunter Böhnke nach Leipzig. An der Karl-Marx-Universität (heute: Universität Leipzig) studiert er bis 1968 Anglistik, Germanistik und Pädagogik. Dort lernt er seine Frau Reinhild, heute eine renommierte Übersetzerin, kennen. Beide sind bekennende Shakespeare-Fans und seit 1964 Mitglied der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Das Paar hat zwei Kinder und zwei Enkelinnen.

Ein „Lehrdienstverweigerer“ wird Übersetzer


In der Studienzeit wird Gunter Böhnke 1966 Gründungsmitglied des Studentenkabaretts academixer. Doch Lehrer will er eigentlich nicht werden. Nach dem Abschluss des Studiums nimmt er das Angebot, an der Leipziger Kinder- und Jugendsportschule zu arbeiten, nicht an. Stattdessen arbeitet der „Lehrdienstverweigerer“ als Bildredakteur bei ADN-Zentralbild, der damaligen DDR-Nachrichtenagentur, in Berlin. Später freiberuflich als Englischlehrer an der Humboldt-Universität in Berlin. Darüber hinaus wird er Dolmetscher, arbeitet als Übersetzer.

Danach wird er Fremdsprachenlektor beim Verlag Edition Leipzig. Böhnke übersetzt von 1973 bis 1994 Literatur aus dem Englischen ins Deutsche, zum Beispiel von Barry Hines, Jack Cope, Edgar Alan Poe, Henry James und anderen Autoren. Die letzte Übersetzung ist etwas Besonderes: Er überträgt „The angry street“ von Chesterton aus dem Angelsächsischen ins Sächsische: „De wuhdsche Schdrahsse lautet der Titel.

Ab 1. Januar 1979 wird Böhnke Profikabarettist mit den academixern. Wie damals üblich, werden die Ensemblemitglieder der academixer und der Leipziger Pfeffermühle beim Rat der Stadt Leipzig angestellt. Böhnke bezeichnet sich selbst ironisch als „Kabarettbeamter“.

Im Duo mit Bernd-Lutz Lange sehr populär


1988 macht er sich mit
Bernd-Lutz Lange als Duo selbstständig, um bis 2004 auf Kabarettbühnen in ganz Deutschland aufzutreten. Mit Lange erlangt er landesweite Popularität und tritt in vielen Fernsehsendungen im MDR und auch in der ARD auf. Es folgen Gastspiele in den USA, in Israel, Belgien und in Meltewitz, wie er gern betont. Zusammen mit seinem Bühnenpartner erhält er im Jahr 2002 den Kabarettpreis „Leipziger Löwenzahn“. Das Duo trennt sich auf dem Höhepunkt ihrer gemeinsamen Karriere. „Wir haben es aber zehn Jahre zuvor in einem Programm angekündigt“, so Böhnke.

Für den Vollblutkabarettisten, der mit viel Selbstironie und Charme spielt, ist das schon ein Einschnitt. Seither ist der Kleinunternehmer, wie er sich selbst gern bezeichnet, solo oder mit verschiedenen Partnern auf der Bühne unterwegs. Seit 2001 mit drei Jazzmusikern. Dabei spielt das Sächsische eine entscheidende Rolle. 

Sächseln wie ein Weltmeister


Die Mutter achtet in der Kindheit zwar pedantisch darauf, dass er nicht Sächsisch spricht. Für sein Hochdeutsch wird er jedoch in der Schule gehänselt und reagiert so, dass er in „kürzester Zeit sächselt wie ein Weltmeister“. Bis auf die Auftritte im Theater, für die er ein Jahr lang Sprecherziehung bekommt, pflegt er das Sächsische als seine Muttersprache. Vor allem bei den academixern, die seit Mitte der 1970er Jahre
Lene Voigt wiederentdecken und auch Beiträge für den DDR-Rundfunk produzieren. In Erinnerung bleiben bei älteren Leipzigern die „Amessements“ beim Sender Leipzig. Keine Frage, dass der Vollsachse inzwischen auch beim „Sächsischen Wortes des Jahres“ von Tom Pauls oft dabei ist.

Gunter Böhnke ist ebenfalls als Autor von Beiträgen für die Leipziger Blätter bekannt. Er schreibt gut ein Dutzend Bücher. Der Erstling „Ein Sachse beschnarcht sich die Welt“ erscheint in fünf Auflagen. Ebenso wie „Säggs’sch Fast vergessen“ seit 2022. Sein neuestes Projekt: Er möchte ein Buch über die Brüder Grimm schreiben. Und wieder entsprechend seiner Körpergröße: ein Minibuch!

Stand: 27.11.2025

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Historisches Bildmaterial - Böhnke, Gunter

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