Bildlexikon Leipzig

Schulmuseum

Goerdelerring 20 | Ortsteil: Zentrum

Das Schulmuseum – Werkstatt für Schulgeschichte Leipzig ist eine Einrichtung der Stadt Leipzig in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig und der HTWK Leipzig. Nach den ersten Gründungen 1914 und 1984 und einer inhaltlichen Neuausrichtung befindet es sich seit 2000 am heutigen Standort am Goerdelerring. Das Schulmuseum thematisiert die 800-jährige Leipziger Schul- und Bildungsgeschichte und versteht sich als aktiver Lern- und Arbeitsort. Verschiedene Dauerausstellungen, historische Schulstunden und Workshops bieten Einblicke in die Entwicklung der Schule zwischen 1212 und 1989.

Zeitreise durch 800 Jahre Schulgeschichte in Leipzigs ersten Stasi-Bau


Die Geschichte des Schulmuseums reicht bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück, als im Jahr 1909 ein erster Verein zur Gründung eines Schulmuseums in Leipzig den Anstoß dazu gab, über die Historie und die Zukunft der Schule zu reflektieren. Anstelle eines Museums im klassischen Sinne wurde ein aktiver Lern- und Arbeitsort angestrebt. Der Vorsitzende des initiierenden Vereins, Max Brahn, ein Schüler von Wilhelm Wundt, galt zugleich als Gründer des Instituts für experimentelle Pädagogik und Psychologie mit Hilfe des Leipziger Lehrervereins im Jahr 1906. Die Anfänge des ersten Schulmuseums in einem Klassenzimmer einer Leipziger Volksschule im Jahr 1914 wurden aufgrund des Ersten Weltkrieges frühzeitig beigelegt. Auch nach 1918 konnte die begonnene Gründung des Schulmuseums nicht weiter verfolgt werden. Max Brahn wurde nach 1920 Opfer von zunehmend antisemitischen Anfeindungen, woraufhin sein 1916 gegründetes Archiv für Pädagogik in Leipzig keine Zukunft mehr hatte. Im Jahr 1933 verlor er seine zuvor ausgeübten Ämter in Berlin, darunter jenes als Streitschlichter und als Regierungsrat, bevor er in die Niederlande auswanderte und 1944 in Auschwitz ums Leben kam.

Ein zweiter Anlauf für die Neugründung des Leipziger Schulmuseums fand 1984 statt. Seine erste Heimstätte fand es in einem Klassenzimmer der Georg-Schwarz-Schule im Stadtteil Lindenau. Da durch die begrenzten Räumlichkeiten eine solide Museumsarbeit nur sehr eingeschränkt möglich war, zog das Schulmuseum 1994 in die Hohe Straße am Floßplatz. Als einstiger Fachberater für Staatsbürgerkunde fühlte sich der damalige Museumsleiter seinem Auftrag verpflichtet, den Besuchern die schlechten Seiten der Schule früherer Zeiten zu veranschaulichen und die vorbildliche Schule im Sozialismus aufzuzeigen. 

Durch die Stadt Leipzig wurden nach 1998 eine fundamentale personelle Erneuerung sowie eine inhaltliche Neuausrichtung der Sammlungskonzeption und der Vermittlungsformen initiiert. In diesem Zuge wurde das Schulmuseum im Jahr 2000 in das Gebäude des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verlagert. Gemeinsam mit seinen Vorgängerbauten, der Burg urbs lipzi aus dem 11. Jahrhundert, dem Franziskanerkloster aus dem 13. Jahrhundert und der Matthäikirche aus dem 19. Jahrhundert, zählt der Standort des Gebäudes zu den ältestem besiedelten Teilen Leipzigs.

Bildungsideale im Wandel der Zeit: Zwischen Kaiserzeit und Diktaturen


Im Schulmuseum werden auf drei Etagen neben den Dauerausstellungen zu den Themen „Schule unterm Hakenkreuz“, „Schule in der DDR“ und „Schule im Widerstand“ auch Sonderausstellungen, Workshops, historische Unterrichtsstunden und Projekte angeboten. Die Ausstellungen thematisieren die Leipziger Schul- und Bildungsgeschichte, die schwerpunktmäßig in den zeitlichen Abschnitten 1212 bis 1933 sowie 1933 bis 1989 illustriert und erörtert wird. Während in der zweiten Etage die Themen „Schule in der Kaiserzeit“, „Israelitisches Schulwesen“, „Bürgerstolz und Bildung“ sowie „Reformpädagogik“ im Fokus stehen, werden in der dritten Etage die Themen „Schule und Widerstand“ während der zwei deutschen Diktaturen dargestellt. Die Dauerausstellung 1212 bis 1933 veranschaulicht die damals gegenwärtigen Bildungsideale, welche mit Hilfe von aussagekräftigen Exponaten dabei hilft, frühere Schulen aus heutiger Sicht neu zu beurteilen. Erörtert werden auch der Einfluss der Kirche und der Universität auf die Bildungsangebote. Die Besucher erhalten Informationen zu den geschichtlichen Hintergründen der Volksschulen sowie der Gymnasien, Berufsschulen und Realschulen, welche in der Kaiserzeit von 1871 bis 1918 einen großen Aufschwung erfuhren. In einem den Vorschriften der Zeit ausgestatteten Klassenzimmer zur Volksschule um 1900 erhalten die Besucher authentische Einblicke: Von geöltem Dielenfußboden, über Herrscherbilder von Kaiser und König an den Wänden, Holzpodest mit Lehrerpult, Doppelsitzer-Schulbänken aus Eiche, olivgrünem Ölsockel und schwarzen Gestelltafeln mit Treppenstufen.

Die Dauerausstellung illustriert weiterhin die schwierigen Anfänge der Waldschule bis zu ihrem Ende 1942, ebenso wie die Carlebach-Schule als erste jüdische Schule Sachsens, welche 1912 geöffnet und 1942 endgülig geschlossen wurde. In einem Schaudepot in der Ausstellung werden mehr als 1.500 Rollkarten, Schulwandbilder und Tafelbilder aubewahrt, die über mehrere Jahrzehnte für die Veranschaulichung verschiedener Unterrichtsfächer verwendet wurden. In der sogenannten „Wunderkammer“ werden historische Unterrichtsmittel der Physik und Chemie, darunter Modelle eines Viertaktmotors, eines Hochofens oder einer Dampfmaschine sowie Schulwandbilder ausgestellt. Der Realienraum mit Herbarien, Tierpräparaten und Schaukästen ist dem fächerübergreifenden Naturkundeunterricht gewidmet. Die Ausstellung wird durch eine geologische Sammlung, Hörstationen und einen Fühlkasten ergänzt. Bei dem Kleinplanetarium ZKP 1 in einem weiteren Ausstellungsraum aus dem Jahr 1957 handelt es sich um eine Rarität, welche Ende der 1980er Jahre aus dem Naturkundemuseum Leipzig ins Schulmuseum gelangte.

„Hände falten, Schnabel halten, Kopf nicht drehen, nach vorne sehen, Ohren spitzen, gerade sitzen!“ – authentische Schulstunden nach historischem Vorbild


In den Dauerausstellungen 1933 bis 1989 werden die zwei Diktaturen und ihre Einflüsse auf die Entwicklung der Leipziger Schulen veranschaulicht. Durch die drei historischen Brüche in den Jahren 1933, 1945 und 1989 wurden jeweils neue Erziehungsziele und Lehrpläne eingeführt. Im Ausstellungsbereich „Schule unterm Hakenkreuz“ wird über Besonderheiten in der nationalsozialistischen Erziehung informiert und mit Filmen, Spielen, Bildern, Lehrplänen und Aufsätzen aus Leipziger Schulen zwischen 1933 und 1945 illustriert. Bei dem Bereich „Die Leipziger Meuten“ handelt es sich um die bisher einzige Ausstellung zum bedeutenden jugendlichen Widerstand zwischen 1933 und 1945 in Leipzig. „Kinder in Uniform – Staatsjugend in zwei deutschen Diktaturen“ lässt überwiegend Bilder, Hörstationen mit Zeitzeugeninterviews sowie originalen Tondokumenten für sich sprechen. Beispiele von widerständigen Lehrern und Schülern während den Diktaturen werden im Ausstellungsabschnitt „Gegen den Strom – Schule im Widerstand“ illustiert und erörtert. Im Raum „Polytechnische Oberschule 1985“ wird ein DDR-Klassenzimmer der achtziger Jahre mit originalen Einrichtungsgegenständen, darunter Schulbücher, originale Pflanzenkübel, beigefarbener Fußbodenbelag, Malimo-Gardinen und Wandbilder, nachgestellt. Das 2017 neu konzipierte „Schaudepot DDR-Schule“ präsentiert rund 1.500 Objekte aus dem Schulalltag und bietet Einblicke in die einzigartigen Exponate zur DDR-Schule. Der Ausstellungsbereich „Fremde und Gleiche“ illustriert den Umgang der DDR-Schule mit Ausländern. Zu den Ausstellungsbereichen werden auch Workshops angeboten.

Zusätzlich zu den Dauerausstellungen bietet das Schulmuseum Unterrichtsstunden der Kaiserzeit und der DDR an. Diese wurden auf Grundlage von Quellentexten und verbindlichen Empfehlungen von 1904 und 1985 konzipiert. Während der Kaiserzeitstunde in einer Volksschule um 1900 kann im historischen Klassenzimmer „Schule früher“ mit Griffel und Schiefertafel, Gebet zu Beginn und am Ende der Stunde nachempfunden werden. Bei dem Angebot „Zivilcourage – Heimatkunde 1985“ handelt es sich deutschlandweit um ein Alleinstellungsmerkmal des Schulmuseums.

Stand: 29.11.2023

Bildergalerie - Schulmuseum

Sophie Weinhold
Sophie Weinhold
Die gebürtige Leipzigerin studierte in Passau und Marseille Internationales Management und besitzt ein Faible für Fremdsprachen. Neben Englisch und Französisch spricht sie fließend spanisch und italienisch. Bereits als Zwölfjährige führte sie internationale Austauschschüler durch die Stadt und begeisterte sie für Leipzigs Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die Liebe zu Leipzig bestimmt nach wie vor ihre Freizeitgestaltung. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Fahrradtouren in die Umgebung – die kreative Lokalpatriotin findet immer ausreichend Anregungen, um darüber zu schreiben.
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