Eigentlich ist es als Provisorium gedacht: Das markante Gebäude in der Karl-Liebknecht-Straße/Ecke Körnerstraße entsteht 1955 als Zentrum für die Nationale Front. Das ist ein überparteilicher Zusammenschluss der SED mit den sogenannten Blockparteien der DDR. Bereits 1949 steht dort ein Holzpavillon, der während des Volksaufstands am 17. Juni 1953 jedoch angezündet wird. Danach wird er durch einen Steinbau ersetzt. Das Areal sollte zwar ursprünglich mit einem Wohnblock bebaut werden. Dazu kommt es allerdings nicht. Heute ist die naTo – die rein gar nichts mit dem ähnlich lautenden Militärbündnis zu tun hat – das älteste Leipziger Kulturzentrum in freier Trägerschaft. Und der Kreis schließt sich. Die überfällige Sanierung erfolgt mit Fördermitteln, die aus dem Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der ehemaligen DDR und der Stadt Leipzig stammen.
Nach der Sanierung ist naTo kein Provisorium mehr
Im März 2026 kann das soziokulturelle Zentrum naTo wieder öffnen. Technik, Schall- und Brandschutz sind auf dem neuesten Stand. Die Bühne ist nun barrierefrei, Räume wurden neu angeordnet und somit zusätzlicher Platz geschaffen. In einem Anbau ist ein Backstage-Bereich sowie Raum für kleine Gruppen entstanden. „Dem Saal sieht man nicht an, was hinter den Wänden und Decken alles passiert ist“, sagt Ansgar Scholz, Sachgebietsleiter Bauinvestition im Kulturamt, bei einem Medientermin zur Wiedereröffnung im Februar 2026. Bei der Modernisierung wird auf ökologische Nachhaltigkeit gesetzt. Das beweist sich im Anbau in einer Hanf-Kalk-Stampfkonstruktion. Regenwasser kann zudem als Brauchwasser verwendet werden.
Die naTo-Kneipe bietet zusätzlichen Platz an, weil die Kühlkammer hinter die ebenfalls neue Küche verlagert wird. Dadurch können mehr Gäste bewirtet oder ein kleines Bühnenpodest für Kneipenkonzerte aufgebaut werden. Entscheidend ist: Nach der Sanierung ist die naTo kein Provisorium mehr. Die Veranstaltungstechnik ist neu. Der Schallschutz ist ebenfalls verbessert. Dadurch sind ohne Beeinträchtigung der Nachbarschaft lärmintensivere Konzerte möglich.
Kulturhaus wird Zentrum alternativer Kultur
Das soziokulturelle Zentrum blickt seit seiner Entstehung auf eine wechselvolle Geschichte zurück. In der DDR finden im Kulturhaus „Nationale Front“, wie es damals heißt, Tanzstunden, Kulturveranstaltungen und Filmvorführungen statt. Die Räume werden auch von der Bezirkspolizeibehörde genutzt, die damals beispielsweise an 14-Jährige feierlich den Personalausweis ausgeben.
In den 1980er Jahren entwickelt sich das Kulturhaus zu einem wichtigen Zentrum alternativer Kultur im Leipziger Süden. Das wird dadurch begünstigt, dass sich in maroden Häusern der Südvorstadt und des Zentrums-Süd viele Künstler und Studenten ansiedeln, diese mit wenig verfügbaren Mitteln reparieren und dadurch zumindest bewohnbar halten. Auch eine Punkszene entsteht. Konzerte und Happenings werden oft als Privatveranstaltungen getarnt, da sie offiziell nicht stattfinden dürfen.
Die Geburtsstunde der heutigen naTo lässt sich auf 1982 datieren. Detailliert nachzulesen ist dies im Buch „30 Jahre naTo“, das 2012 im Passage-Verlag erscheint. Erstmals wird am 7. Mai 1982 ein Konzert mit der Gruppe Heureka organisiert. Es folgen viele Jazzkonzerte sowie Theateraufführungen. Ein Jahr später wird vom Hausmeister Götz Lehmann der „Klub an der Ecke“ gegründet. Es treten junge Experimentalkünstler auf, aber auch Bands aus der Jazz-, Rock- und Punkszene. 1984 soll dann das Kürzel naTo erfunden worden sein – in einem Mitgliedstaat des Warschauer Paktes sicherlich sehr provokativ. Die Szene wird mit großem Aufwand von der Staatssicherheit der DDR überwacht.
Verein betreibt die naTo als freier Träger
1987 bestätigen die DDR-Kulturoberen offiziell den Namen „Klub an der Ecke“ für das ehemalige Kulturhaus „Nationale Front“. Der Klub musste aber oft schließen – wegen Heizungsausfalls oder anderen Reparaturen. Veranstaltungen finden in Ausweichquartieren, etwa im UT Connewitz in der Wolfgang-Heinze-Straße, statt.
Am 29. September 1989 kann das Haus nach langer Bauphase wiedereröffnen. Es ist die Zeit des großen Umbruchs im Herbst 1989. Nach dem Mauerfall wird am 15. Mai 1990 der Verein Kultur und Kommunikationszentrum naTo gegründet. Dieser betreibt die Einrichtung seit 1991 als Freier Träger.
Anfang der 1990er Jahre entstehen verschiedene Open-Air Veranstaltungen, die rasch einen legendären Ruf bekommen. Dazu gehören das Spaß-Fußball-Turnier naTo-cup, das Seifenkistenrennen auf dem Fockeberg sowie das Badewannenrennen am Völkerschlachtdenkmal. Diese Rennen sind inzwischen eingestellt worden.
Seit 1994 werden von der AG Kommunales Kino Leipzig – inzwischen bekannt als Verein Cinémathèque – Filmabende organisiert. Nach wie vor gehören neben der Filmkunst Musik, Theater, Literatur sowie Veranstaltungen zu politischen Themen zum Angebot des soziokulturellen Zentrums. Es fördert junge Talente in den Bereichen zeitgenössischer Jazz, Pop und Theater. Darüber hinaus organisiert das Team Nachwuchsfestivals, beispielsweise die BachSpiele während des jährlich stattfindenden Bachfest Leipzig. Das soziokulturelle Zentrum setzt sich für die Würde aller Menschen unabhängig ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts ein, davon zeugt auch die an der Fassade in der Körnerstraße angebrachte Uno-Resolution der Menschenrechte.
Stand: 10.03.2026














