Nichts erinnert am Gebäude an einen Ort, den in der DDR viele Menschen besucht haben: die ehemalige Iskra-Gedenkstätte in der Russenstraße 44 (früher meist 48). Doch das soll sich im Frühjahr 2026 ändern. Der private Besitzer des Hauses hat den Künstler Reinhard Rössler beauftragt, eine Skulptur anzufertigen. Über einen QR-Code ist dann auch mehr über die Gedenkstätte zu erfahren, an die sich viele recht unterschiedlich erinnern. Ihre Geschichte wird vom Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig gemeinsam mit der Leipziger Theatermacherin und Künstlerin Diana Wesser aufgearbeitet. Es geht um einen „verlorenen Ort“, um den sich viele Mythen ranken.
Leipzig ist erster Druckort der Iskra
Es wird wohl nie ganz aufzuklären sein, ob Wladimir Iljitsch Lenin um den Jahreswechsel 1900/01 hier persönlich am Druck der ersten Iskra beteiligt ist und damit in Probstheida Weltgeschichte geschrieben hat. Die Iskra ist eine Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Sie wird geheim im Exil gedruckt und dann ins Zarenreich Russland geschmuggelt. Fakt ist zwar, dass der Druckereibesitzer Hermann Rauh im Gebäude Schriften für die Arbeiterbewegung angefertigt hat. Er wird auch von der Polizei überwacht, heißt es.
Ob die erste Ausgabe der Iskra wirklich heimlich mit russischen Lettern in seiner Druckerei entsteht, ist nicht hundertprozentig belegbar. Leipzig gilt allerdings als erster Druckort. Weitere Ausgaben werden dann in München sowie in der Schweiz produziert. 1947 soll in der DDR an den 30. Jahrestag der Oktoberrevolution erinnert werden. „Da wird akribisch nach Quellen gesucht, ob Lenin in Leipzig war“, sagt Johanna Sänger, die Kuratorin vom Stadtgeschichtlichen Museum. Generationen von Historikern und Forschern haben sich daran beteiligt, auf Erinnerungen von Beteiligten und Weggefährten Lenins zurückgegriffen. SED-Parteichef Walter Ulbricht schaltet sich persönlich ein und hat ein großes Interesse daran, dass in seiner Geburtsstadt Leipzig Spuren der Arbeiterbewegung markiert werden. So wird aus der ehemaligen LVZ-Druckerei in der Rosa-Luxemburg-Straße 19/21 eine Lenin-Gedenkstätte.
Ein Gedenkort für Delegationen und Gruppen
Die Druckerei in der Russenstraße gibt es da schon längst nicht mehr. Das Gelände wird zunächst von einer Gärtnerei sowie später von einem Tischler genutzt. Die Familie Erich Niegel, die ihre Werkstatt gerade erweitert hat, wird enteignet und muss in die Augustinerstraße umziehen. Denn in der Russenstraße entsteht 1956 mit der Iskra-Gedenkstätte ein Zentrum der Lenin-Verehrung. Dabei wird versucht, die Werkstatt zu rekonstruieren. Der Anbau wird zum Gedenkort. Pioniergruppen und Arbeiter, Delegationen aus vielen Ländern und sogar Staatsgäste erfahren dort von der engen Zusammenarbeit der Leipziger Arbeiterbewegung mit russischen Revolutionären vor dem Ersten Weltkrieg. Das Grundstück geht mit Enteignung der Tischlerfamilie in den Besitz der Stadt Leipzig über. Was damals auch bei anderen Objekten üblich ist.
„Diese Geschichten müssen erzählt werden, das sind wir den Menschen schuldig“, sagt Falk Elstermann, Geschäftsführer der Kulturstiftung Leipzig. Dabei gehe es exemplarisch um Opfer der stalinistischen Anfangsjahre der DDR.
Iskra-Gedenkstätte muss 1991 schließen
Das kleine Museum; ab 1960 eine Außenstelle des heutigen Stadtgeschichtlichen Museums, existiert bis 1991. Dann wird es auf Beschluss des Leipziger Stadtrates geschlossen. Das Inventar der Gedenkstätte befindet sich im Fundus des Museums. Die Stadt Leipzig hat das Grundstück der Iskra-Gedenkstätte nach langem Leerstand verkauft. Zuvor wird es kurze Zeit als Fundus für das Archiv Bürgerbewegung sowie das Sportmuseum genutzt. Ein Restitutionsanspruch der Tischlerfamilie wird abgelehnt.
Das Projekt will nun mit Audio-Formaten und einer Website aufklären und verschiedene Perspektiven aufzeigen, damit von der Iskra-Gedenkstätte mehr als Gerüchte und Mutmaßungen übrigbleiben.
Stand: 03.12.2025














