Es ist ein Ort vieler Begegnungen: Das Ariowitsch-Haus ist der Treffpunkt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Es ist aber auch ein Farbtupfer im Waldstraßenviertel. Am 15. Mai 2009 wird die Begegnungsstätte in der Hinrichsenstraße 14, die 1928 als Altenheim für orthodoxe Juden gebaut wird, eröffnet. Mit Namen auf den Stufen am Eingang wird an das Schicksal der Menschen erinnert, die von hier aus von den Nationalsozialisten deportiert worden sind.
Ein Ort des würdigen Altwerdens
Die Begegnungsstätte hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Louise und Max Ariowitsch sowie Hermann Halberstam lassen das ehemalige Altenheim für orthodoxe Juden aus Mitteln der eigens gegründeten Ariowitsch-Stiftung 1928 bis 1931 errichten. Der 1929 im Innern von der Firma Otis installierte Aufzug blieb bis heute erhalten und ist baugeschichtlich von Bedeutung. Das Altenheim soll ein Ort werden, an dem alte jüdische Menschen ihre Ruhe und Entspannung finden – ein Ort des würdigen Altwerdens. Doch spätestens mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten kommt es anders. Basierend auf dem „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ vom April 1939 wird das Altersheim zu einem sogenannten Judenhaus. Alte, überwiegend alleinstehende und meist mittellose Jüdinnen und Juden werden dort einquartiert.
Bewohner und Pflegekräfte werden deportiert
Am 19. September 1942 müssen 106 Bewohner und Pflegekräfte das Haus verlassen. Sie werden nach Theresienstadt und weiter nach Auschwitz deportiert. Überlebt haben den Holocaust nur acht Menschen.
1943 zieht die Gestapo in das Gebäude. Nach der Befreiung nutzt es zunächst die amerikanische, später die sowjetische Armee, bevor es ab 1948 wieder zum Altersheim wird. Die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, in deren Eigentum das Grundstück 1952 übergeht, vermietet es an die Stadt Leipzig. Bis Mitte der 1990er Jahre bleibt das Haus ein Altersheim.
Nachbarschaftsstreit verzögert Baustart
Danach steht es einige Jahre leer. Die Idee, ein Zentrum zu bauen, in dem sich Juden und Nichtjuden begegnen können, gibt es seit 1999. Es wird zum Kraftakt, bis der Fiedler auf dem Dach symbolisch den Baustart im April 2006 einleiten kann. Ein jahrelanger Streit um den Ausbau des ehemaligen jüdischen Altenheims zum Kulturzentrum beschäftigt die Gerichte in mehreren Instanzen. Nachbarn wollen diesen Ausbau per Klage verhindern. Doch die Klage wird abgewiesen, die Bauleute und Handwerker können anrücken. „Wir haben den Fels auf die Spitze des Berges gerollt“ – mit diesen Worten beschreibt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung beim Baustart den steinigen Weg, den Israelitische Religionsgemeinde und Stadt Leipzig gemeinsam zurücklegen mussten.
Das Gebäude wird nach Plänen des Leipziger Architekturbüros Weis & Volkmann umgebaut. Die sehen vor, das Vorder- und Hinterhaus durch einen abgesenkten Veranstaltungssaal für 300 Personen zu verbinden. Auf dem Dach wächst ein begrünter Innenhof. Es soll viel Licht in den Saal strahlen. Die Architekten entwerfen für das Dach die Tora-Rolle, die schon im Vorderhaus als prägendes Erkermotiv erscheint. Das Zentrum jüdischer Kultur Ariowitsch-Haus kann schließlich im Mai 2009 öffnen. Träger ist der Verein Kultur- und Begegnungszentrum Ariowitsch-Haus.
Ein Ort für viele Generationen im Waldstraßenviertel
Mittlerweile gibt es ein friedliches Miteinander im Waldstraßenviertel. Und wenn auf der Dachterrasse des Ariowitsch-Hauses musiziert wird, schauen die Anwohner umliegender Häuser aus den Fenstern zu. „Wir sind froh, dass es gelungen ist, ein Haus für alle Generationen zu etablieren und unsere jüdische Kultur in aller Vielfalt zu zeigen“, sagt Küf Kaufmann, der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde. Im Judentum gebe es eben nicht nur traurige Momente, wie den Holocaust, sondern auch eine sehr lebendige Kultur. Jedes Jahr werden rund 100 Veranstaltungen, von Ausstellungen, über Lesungen, Konzerte, Film- und Theateraufführungen bis hin zu Tagungen, Vorträgen und Workshops, organisiert.
Begegnungen werden zum Leitthema des Hauses. Es hat sich als Mehrgenerationenhaus Leipzig-Mitte etabliert. Zum Angebot gehören Mal- und Zeichenkurse, Tanzgruppen, Chor, Theater- und Literaturklubs, Schach-, Sprach-, PC- und Kreativkurse. Ein Großteil der Kursteilnehmer hat einen Migrationshintergrund. Sprachkurse dienen dem Abbau von Sprachbarrieren und der Integration in den Alltag. Viele stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Deshalb wird im Ariowitsch-Haus oft Russisch gesprochen.
Jüdische Feste und Feiertage wie Chanukka und Pesach werden regelmäßig gefeiert, aber auch Hochzeiten finden statt. Beliebt sind auch Hebräisch-Kurse. Wer möchte, kann koschere Küche sowie jüdische Bräuche und Traditionen genauer kennenlernen. Auf der Homepage des Begegnungszentrums sind diese beschrieben. Das Begegnungszentrum ist alljährlicher Veranstaltungsort für das Lesefestival „Leipzig liest“ im Rahmen der Leipziger Buchmesse sowie Ausrichter der Jüdischen Woche, die aller zwei Jahre stattfindet. Der Sportverein Makkabi hat seinen Sitz ebenfalls im Ariowitsch-Haus.
Kampf gegen Antisemitismus als Aufgabe
Der Verein sieht es als seine Kernaufgabe, die gesellschaftliche Toleranz zu fördern sowie sich um Aufklärung und Prävention gegen Antisemitismus und Rassismus zu bemühen. Ein Projekt „Fiedler auf dem Dach“ richtet sich besonders an Kinder und Jugendliche verschiedener Kulturen. Beim Theaterspiel, Malen und Musizieren sollen sich einander besser kennen lernen und so Berührungsängste, Vorurteile und Hemmungen abbauen.
Das Ariowitsch-Haus hat zudem Projekte, um dem zunehmenden Antisemitismus in der Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Hintergrund: Viele Juden können Glauben und Identität nicht mehr überall offen zeigen. Beim Projekt „Abbau von Antisemitismus“ gibt es beispielsweise für angehende sächsische Polizisten, Lehrer, Gymnasiasten sowie Bundeswehr-Soldaten ein Antisemitismus-Training. Seit 2024 ist das Ariowitsch-Haus offizielle Fachstelle der Stadt Leipzig für Antisemitismusfragen. Zudem hat sich das Fachnetzwerk gegen Antisemitismus in Sachsen dort angesiedelt. Seit September 2024 sind die Akteure mit dem neuen mobilen Programm „Jüdisches Leben erFAHREN” verstärkt in den ländlichen Regionen Sachsens unterwegs. Das Begegnungszentrum arbeitet an seinem Ziel, als Lern- und Erinnerungsort anerkannt zu werden, im Sinne einer Gedenkstätte. In Mitteldeutschland wäre das dann der einzige rein jüdische Lern- und Erinnerungsort.
Stand: 13.03.2025














