Foto: Leipzig - Birgit SCHEPS-BRETSCHNEIDER

Scheps-Bretschneider, Birgit

Ethnologin, Provenienzforscherin, Autorin | geb. am 26. Juli 1959 in Leipzig
Inhalt des Beitrags
Audiobeitrag: Scheps-Bretschneider, Birgit

Für eine Keule, einen Grabstock, einen Speer und ein Fischernetz reist Birgit Scheps-Bretschneider sogar nach Australien. Der Ethnologin vom GRASSI Museum für Völkerkunde in Leipzig ist es wichtig, diese Objekte zurückzugeben. Sie gehörten einmal der indigenen australischen Volksgruppe namens Kaurna. Die Rückgabe soll offiziell geschehen. Doch die Regierungsmaschine der grünen Außenministerin Annalena Baerbock hat im August 2023 eine Panne. Der Flug von Abu Dhabi nach Sydney wird abgesagt. Deshalb reist Birgit Scheps-Bretschneider, die Abteilungsleiterin Provenienzforschung und Restitution, auf eigene Faust mit dem Linienflug weiter. Und transportiert einen 2,30 Meter langen Speer und die anderen Artefakte. „Die Kaurna besitzen heute so gut wie nichts mehr von dem, was ihre Vorfahren einmal hatten“, erklärt sie. Deshalb sei es wichtig, diese Objekte zurückgeben, die über Missionare in die Leipziger Völkerkunde-Sammlung gelangen, allerdings kein Raubgut sind.

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Fotogalerie - Scheps-Bretschneider, Birgit

Von fremden Völkern und fernen Ländern fasziniert


Geboren wird Birgit Scheps am 26. Juli 1959 in Leipzig. Sie wächst als Tochter einer Verkäuferin und eines Kellners mit zwei Brüdern in
Schönefeld auf. Bei den Großeltern ist es üblich, viel vorzulesen und selbst zu lesen. „Das Eismeer ruft“ von Alex Wedding über eine Expedition in die Polarregion heißt eines der Kinderbücher, das Birgit Scheps schon im Kindergartenalter fasziniert. In der Familie gibt es zudem Vorfahren, die in der Kolonialzeit in der Südsee waren. Deren Geschichten sowie die aufbewahrten Briefe haben sie regelrecht fasziniert.

Birgit Scheps besucht eine Schule in Lindenau, auf der es erweiterten Russisch-Unterricht gibt. Recht schnell entdeckt sie schon in der frühen Jugend das Leipziger Völkerkundemuseum. Abitur macht sie auf der Erweiterten Oberschule „Karl Marx“ in Gohlis. Sie will zunächst Regie studieren, bewirbt sich an der Filmhochschule in Potsdam. Sie bekommt zwar eine Zulassung, entscheidet sich aber in letzter Minute dann doch für ihre Leidenschaft für fremde Völker. Aus einem einjährigen Praktikum 1978 im Museum, das sie in der Pädagogik des Hauses absolviert, werden drei Jahre. Sie schreibt ihr erstes Kinderbuch „Baum der Wunder“, das Märchen und Legenden aus Ozeanien enthält. Dafür erhält sie sogar einen Nachwuchsliteratur-Förderpreis.

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Ein Traumberuf im Museum


Von 1981 bis 1986 studiert Birgit Scheps Ethnologie und Geschichte an der Karl-Marx-Universität (heute:
Universität Leipzig). Dort lernt sie Indonesisch und Suaheli. Dieses Studium schließt die alleinstehende Mutter, die einen Sohn großzieht, als Diplom-Ethnologin für Australien/Ozeanien und Afrika ab und geht zurück ans Völkerkundemuseum als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Australien/Ozeanien. Das wird ihr Traumberuf.

1988 konzipiert sie die erste große Australien-Ausstellung. Den Kontinent darf sie ein Jahr zuvor kennenlernen, dank eines dreimonatigen Stipendiums an der Australien National University. Das Stipendium lobt Australien damals für Entwicklungsländer aus, wie sie schmunzelnd erzählt. Der Sohn muss jedoch in Leipzig bleiben. „Nach meiner Rückkehr habe ich nicht gedacht, Australien jemals wiederzusehen.“

Doch schon Ende 1989 folgt eine Einladung zur ersten indigenen Frauenkonferenz der UNO-Frauenkommission, die auch die Kosten übernimmt. Dabei sind Aborigines-Frauen aus verschiedenen Teilen Australiens. Diese Kontakte kann sie später für Forschungen nutzen. Birgit Scheps führt elf ethnologische Forschungsreisen nach Australien, Neuseeland und Samoa durch. Sie veröffentlicht zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen, Kinderbücher und literarische Veröffentlichungen in Anthologien.

Eine Leidenschaft für die Fotografie


Eine Leidenschaft wird die Fotografie. Ihre Kamera hat sie bei den Forschungsreisen immer dabei. So ermöglicht diese einen Einblick in Kulturen, die sich zwischen Jahrtausende alten Traditionen und der modernen Welt behaupten müssen. Die Fotos zeigen das Lebensumfeld und den Alltag der Menschen, die in verschiedenen Ausstellungen zu sehen sind. „Mich hat immer interessiert, was die Menschen an ihr Land bindet und was ihre Identität ausmacht“, erklärt die Ethnologin. Dies sei eine hochaktuelle Frage.

1991 geht das Völkerkundemuseum in die Regie des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst über. 2004 fusionieren die Völkerkundemuseen Leipzig, Dresden und Herrnhut zu den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen. Es beginnt ein jahrelanger Kampf, die Bedingungen für die wertvollen Sammlungen in Leipzig zu verbessern.

Das Grassimuseum mit seinen drei Einrichtungen wird schließlich 2001 bis 2005 saniert. Schrittweise eröffnen die Ethnologen ihre neue Dauerausstellung „Rundgänge in einer Welt“. Der Ausstellungsteil „Ozeanien – Von Australien bis zur Osterinsel“ komplettiert den Rundgang. Birgit Scheps inszeniert dafür eine Begräbnis-Zeremonie der Tiwi, die auf den tropischen Melville- und Bathurst-Inseln, etwa 100 Kilometer entfernt von der Stadt Darwin, leben. Zu ihnen hat sie regelmäßig Kontakt. Als Anerkennung, dass das Museum die Kunst und Traditionen der Ureinwohner ernst nimmt, bekommt es die Erlaubnis, die nachgebildete Figur eines Tänzers zu präsentieren. Es handelt sich um den Clan der Pelikane, der bei einer rituellen Szene nach einem gerade beendeten Begräbnis dargestellt wird. Das Gesicht ist ebenso wie das Individuum selbst verfremdet. An dieser Inszenierung hat sie fünf Jahre lang mit den Tiwi gearbeitet.

Der nachgebildete Clan-Führer ist damals Blickfang, der Ausstellungsteil besitzt einen hohen Schauwert. Scheps führt nach dem Weggang des damaligen Direktors Claus Deimel, der 2013 in Pension geht, drei Jahre lang das Museum als Interimschefin. Mit der Nachfolgerin Nanette Snoep beginnt der rigorose Umbau. Viele Völkerkundemuseen stellen sich und ihre Präsentationen selbst infrage. Ziel ist es, die eigene museale, vor allem koloniale Geschichte kritisch aufzuarbeiten. Ganze Ausstellungsteile werden entfernt. Auch die Australien-Präsentation verschwindet, als Léontine Meijer-van Mensch das Museum übernimmt. „Das war für mich sehr bitter“, sagt Scheps: „Die Enttäuschung bei der Community war gewaltig. Sie fühlte sich verraten. Ich hatte keine Gelegenheit, es vorher mit ihr zu besprechen.“ Die Neupräsentation der Dauerschau erzeugt bis heute viel Widerspruch. Auch populärwissenschaftliche Vorträge fallen weg. Der Bildungsauftrag des Museums wird zusehends vernachlässigt.

2016 wird Birgit Scheps Leiterin der Abteilung wissenschaftliche Sammlungserschließung, Dokumentation und Provenienzforschung der ethnographischen Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Ihr Arbeitsgebiet sind neben Australien und Ozeanien die Geschichte der Ethnologie und der Völkerkundemuseen in Deutschland sowie Kolonialismus und Rassismus.

Rückkehr der Ahnen und ein Raum der Erinnerung


Ein wichtiges Ergebnis dieser Arbeit ist die erste Rückgabe menschlicher Gebeine durch den Freistaat Sachsen an Hawaii, später an Australien. Sterbliche Überreste indigener Australier werden in der Kolonialzeit bei Grabplünderungen entnommen oder nach Massakern von Knochenjägern nach Europa verkauft. Die Rückkehr der Ahnen zu ihren Familien ist für indigene Australier enorm wichtig.

Vorab ist eine intensive Provenienzforschung notwendig. Bei forensischen Untersuchungen können so Aussagen über Alter, Geschlecht, Verletzungen, Krankheiten und Todesursachen getroffen werden. Haarproben machen es möglich, die Nachkommen der Menschen zu finden. Und es werden Geschichten erzählt, die selbst im Heimatland der Opfer verschüttet sind. Etwa das 1870 die Perlmuschel-Fischerei boomt. Es gibt sogar Sklavenjagden auf die Ureinwohner, um Arbeitskräfte für die Tauchgänge zu sichern.

Seit 2021 gibt es in der ersten Etage den Raum der Erinnerung. Er bietet, so steht es auf einer Tafel, „einen öffentlichen und einen geschützten Bereich für Zeremonien und Rituale im Rahmen der Rückführung von Vorfahren in ihre Gemeinschaften“. Das ist für Scheps-Bretschneider enorm wichtig.

Im Dezember 2025 hat sie ihre letzte Ausstellung organisiert: Es ist eine Präsentation zum 50. Jubiläum der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas. Eigentlich ist sie bereits in Pension, führt ihre Arbeit jedoch weiter. Sie schreibt Bücher. Eins davon behandelt persönliche Geschichten rund um ihre zahlreichen Begegnungen mit den indigenen Communities und die Rückgabe von Gebeinen. Eine längere Erzählung wird sich mit der letzten Tasmanierin beschäftigen. Für die Universität Leipzig macht sie einen Vortrag, was der Klimawandel und der Anstieg des Meeresspiegels im Pazifik für das Kulturerbe bedeutet. Darüber hinaus will sie viel reisen, so wie es „das Sparschein eben zulässt“.

Stand: 08.12.2025

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Historisches Bildmaterial - Scheps-Bretschneider, Birgit

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