Foto: Leipzig – Karsten PIETSCH

Pietsch, Karsten

Autor, Stadtführer, Journalist | geb. am 3. Februar 1965 in Leipzig
Inhalt des Beitrags
Audiobeitrag: Pietsch, Karsten

Mit vornehmer Zunge schwatzt ein Sachse, der sich um Hochdeutsch bemüht, über das alte Leipzig. So sieht es Karsten Pietsch selbst. Er hat schon viele Touristen durch seine Stadt geführt und Gesellschaften bei diversen Festen zum Lachen gebracht. Seit vielen Jahren spielt der Gästeführer den Alt-Bürgermeister und berühmten Baumeister Hieronymus Lotter, der 1556 das Alte Rathaus am Leipziger Markt erbaute.

„In Leipzig leben Totgeglaubte eben länger, als manchem lieb ist“, witzelt er. Als Autor bringt Pietsch verschiedene Minibücher wie „Das Leibzger Allerlei“, „Lotterwirtschaft“ und „Badehaus und Lotterbett“ heraus. Seine große Liebe ist die Historie Leipzigs. Inspiriert dazu hat ihn der Leipziger Maler Werner Tübke mit dem Panoramabild in Bad Frankenhausen.

Geboren wird Karsten Pietsch am 3. Februar 1965 in Leipzig. Er wächst in Gohlis als Kind eines Bierbrauers und einer Verkäuferin auf, geht in die 38. Polytechnische Oberschule in der Breitenfelder Straße. Die Familie unterhält gern andere Leute, der Großvater spielt in einer Tanzkapelle, der Onkel in einer Laienspielgruppe, die Mutter trägt Rezitationen vor … 

Schon mit elf Jahren gehört Karsten Pietsch zum Kindersprecher-Ensemble von Radio DDR. Einmal pro Woche ist dort Training, er übt mit Texten und Manuskripten. Die Idee: Regisseure können so auf diverse Stimmen für Hörspielproduktionen zurückgreifen. Später kommt Pietsch dann auch als Statist zum Schauspielhaus.

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Fotogalerie - Pietsch, Karsten

Beeindruckt von Tübkes Panorama


1980 lernt Karsten Pietsch Tübkes Panorama kennen. Das steht damals noch nicht in Bad Frankenhausen. Er sieht den Entwurf auf der DDR-Kunstausstellung in Dresden. Dieser beeindruckt ihn so sehr, dass er sich seitdem intensiv mit dem Spätmittelalter, der Renaissance und natürlich dem alten Leipzig beschäftigt. Beim Dienst in der Nationalen Volksarmee erforscht er im Traditionszirkel das Leben eines antifaschistischen Widerstandskämpfers aus Leipzig.

1985 gründet Pietsch beim Kulturbund einen Freundeskreis Brecht und wird dessen Vorsitzender. Mit der Friedlichen Revolution kommt das „eingreifende Denken“, wie es Brecht einst formuliert. Viele aus dem Freundeskreis gehen zum Neuen Forum und zu den Montagsdemonstrationen.

Von Beruf ist Pietsch Wirtschaftskaufmann. Er arbeitet im Metallurgiehandel, wo er nach der Ausbildung im Bereich Rechts- und Vertragsarbeit tätig ist. Dort stößt er auf ein Arbeitertheater, dem er sich sofort anschließt. „Früher habe ich mal Blech verkauft, jetzt rede ich welches“, sagt er später.

Nach der Armee wechselt er in die Öffentlichkeitsarbeit des VEB Industrieisolierungen Leipzig, schreibt für die Betriebszeitung „Rohrpost“. Als die Treuhand den Betriebsteil an den vormaligen Eigentümer aus Ludwigshafen verkauft, wird daraus der „Iso-Kurier“. Pietsch arbeitet als freier Journalist. Darunter auch für die deutsch-deutsche Tageszeitung „Wir in Leipzig“, die seit Januar 1990 für etwa anderthalb Jahre erscheint. Für „Sachsenradio“ und den entstehenden Mitteldeutschen Rundfunk ist er als Reporter unterwegs.

Parallel entstehen die Rumpelkammerspiele. In wechselnden Besetzungen werden verschiedene Aufführungen gespielt – etwa die „Pension Schöller“.

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Ein „falscher Ratsherr“ kommt bestens an


Pietsch hat als MDR-Reporter oft mit Leipziger Gästeführern zu tun. Für eine Firmenveranstaltung wird „ein falscher Ratsherr“ gesucht. Über Kontakte zur Leipziger
Oper kann er sich ein Kostüm ausleihen. Davon erzählt er Christa Schwarz von der Firma Leipzig Erleben GmbH, die gerade Ideen für ein Rahmenprogramm für Kongresse in Leipzig entwickelt. Pietsch springt kurzfristig ein, nennt sich zunächst Moritz von Sachsen. Das funktioniert gut, der Ratskeller Leipzig meldet sofort Interesse an.

So entstehen die ersten Führungen als Living-History-Darsteller. Pietsch weiß, dass die Biografie vom Bürgermeister Hieronymus Lotter fantastisch passt, um historische Begebenheiten in Leipzig zu erzählen. Das macht er auch im Alten Rathaus, in dem gerade eine Karikatur-Ausstellung eröffnet wird. Das kommt gut an – Pietsch tritt fortan regelmäßig als Lotter auf. Sein Kostüm hat ihm Gewandmeisterin Jutta Bissinger buchstäblich auf den Leib geschneidert. Es macht Spaß, wenn er Gäste, Touristen, auch Einheimische, auf sehr unterhaltsame Weise ins Lotterleben des 16. Jahrhunderts entführt, Geschichte(n) lebendig werden lässt und dabei durchaus viel „Delikates“ zu berichten weiß.

Lotter hat ein Badehaus an der Rannischen Bastei gebaut. Da lässt es sich trefflich über Bader, Barbiere, Regeln und Betrügereien sowie allerlei derbe Vergnügungen philosophieren. Die Maurer-Innung vergibt damals sogar einen Badegroschen extra an den Nachwuchs. Damit dieser sich säubern kann und vor allem sauber bleibt. „Die jungen Kerlchen, die nicht heiraten durften, solange sie nicht sesshaft waren, mussten beschäftigt werden, damit sie den Patrizier- und Kaufmannsfrauen nicht nachsteigen“, erklärt Pietsch.

Plaudern als Lotter im Auerbachs Keller


Auf sehr unterhaltsame Weise bietet er verschiedene Rundgänge an. Auch in
Auerbachs Keller hält Lotter gern Hof. Dort plaudert er über seinen Nachbarn Heinrich Stromer, den Gründer des Kellers. Ebenso über Martin Luther, der einst in Auerbachs Hof, dem Vorgängerbau von Auerbachs Keller, übernachtet. Gäste können sich bei den Rundgängen im Lutherzimmer bei einem Brät vom Schwarzwild stärken. Und Pietsch philosophiert dabei über das „jüngste Gericht“ vom Wildschwein. Und natürlich über Faust und Goethe. 2025 kam eine Kaffee-Gesellschaft bei Heinrich Stromer dazu. Da unterstützt er Schauspieler Detlef Vitzthum, der ihn einst im Pionier-Theaterklub anleitete.

Um die Disputation im Markgrafenschloss, später Pleißenburg genannt, geht es bei den Turmführungen im Neuen Rathaus, die die Gäste des Ratskellers bei ihren Feierlichkeiten gern buchen. Zum Repertoire Pietschs gehört ebenfalls ein fliegender Händler, das Leipziger Original Seiferts Oscar von der Kleinmesse. Im alten Schulzimmer des Museums auf Schloss Frohburg tritt er als alter Pauker ans Katheder. Er unterrichtet in Anzug und Zylinder und spricht über alkoholische Gärung. Und fühlt sich bei seinen Touren stets, wie er schelmisch anmerkt, wie „ein Exponat, das mit den Leuten redet“.

Stand: 31.10.2025

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Historisches Bildmaterial - Pietsch, Karsten

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