Seine diabolischen Auftritte sind legendär. Dabei kennen gar nicht so viele Leipziger den Namen des Schauspielers Hartmut Müller. Doch wenn von Mephisto und Auerbachs Keller die Rede ist, macht es klick. Seit 1992/93 schlüpft er schon in die Rolle des Mephisto in der legendären Gaststätte, die durch Johann Wolfgang Goethe weltberühmt wird. Das sind meist sehr effektvolle Auftritte. Müller nimmt alle gerne mit ins Jahr 1525, als der Weinausschank in den Auerbachs Kellern beginnt. Mittlerweile ist er das Gesicht der berühmten Gaststätte. Ein großflächiger Müller-Mephisto fährt seit 2024 sogar auf einer Straßenbahn durch die Stadt. Und er gehört zweifelsfrei zu jenen Leipzigern, die von Gästen aus dem In- und Ausland am meisten fotografiert werden.
„Schnipsel“ entdeckt seine Liebe zu Wald und Museen
Geboren wird Hartmut Müller am 29. Dezember 1954 in Merseburg als Sohn eines Lehrerehepaars. Nach dem Studium siedeln die Eltern nach Gernrode um, um ein Kinderheim zu leiten. Die Mutter spielt Akkordeon und Gitarre, leitet eine Laienspieltruppe. Schon als Fünfjähriger steht Klein-Hartmut bei ihr als Zwerg auf der Bühne. Der aus dem Erzgebirge stammende Vater liebt es zu schnitzen. Das prägt auch den Sohn. In Gernrode entdeckt Müller, der von seinen Freunden Schnipsel genannt wird, außerdem seine Liebe zum Wald. Dort zieht es ihn nach wie vor immer wieder hin. Später wird der Vater nach Halle versetzt. Dort bekommen die Kinder Dauerkarten für den Zoo und diverse Museen.
Eigentlich will Hartmut Müller Geologe werden. Doch das ist schwierig, es gibt nur wenige Plätze für die zunächst obligatorische Facharbeiterausbildung. Als Lehrersohn darf er zudem nicht ohne Weiteres auf die Erweiterte Oberschule. Da er handwerklich begabt ist, lernt er schließlich Werkzeugmacher mit Abitur. Und kommt nach seinem Dienst bei der Nationalen Volksarmee mit 23 Jahren zum Studium der Museologie nach Leipzig. Sein Praktikum absolviert er im Schloss Branitz in Cottbus, dessen Park einst Fürst von Pückler anlegte. Schließlich soll Müller im Traditionskabinett der Braunkohle in Senftenberg arbeiten. Dort will eigentlich niemand hin, er hat aber Glück, darf zurück nach Leipzig und steigt im Gebrauchtwarenhaus Leipzig als wissenschaftlicher Mitarbeiter ein.
Ein Museologiestudent spielt Theater
Für ein Schauspielstudium bewirbt er sich ebenfalls, wird auch angenommen. Doch in der DDR sind zwei Fachschulstudien nicht möglich. Schon als Museologiestudent wird Müller Mitglied des Poetischen Theaters der Karl-Marx-Universität. Dort spielt er eine erste Hauptrolle im Stück „Die Frau zum Wegschmeißen“ von Dario Fo. Er hat vieles ausprobiert. Später kommt noch das Schreiben hinzu: Hartmut Müller wird Kolumnist bei der Leipziger Morgenpost. Er arbeitet ebenfalls für die Leipziger Volkszeitung, für die er etwa 40 Beilagen der „Theke“ macht.
Parallel spielt er stets Theater. Etwa im Sommertheater auf dem Petersberg gemeinsam mit seinem Bruder Axel, der an der Burg Giebichenstein studiert. Sie entwickeln einen „Abend bei Herrn Goethe“ für die historischen Weinstuben in Auerbachs Keller. Die Brüder treten 1992 als Mephisto und Faust zur Eröffnung der Mephisto-Bar in der Mädler Passage auf, die damals Immobilienmakler Jürgen Schneider gehört. Nach der Schneider-Pleite übernimmt die Commerzbank die Immobilie und saniert die Traditionsgaststätte.
Mephisto wird die Rolle seines Lebens
Im August/September 1996 organisiert der Leipzig Tourist Service e.V. mit seinem Geschäftsführer Richard Schrumpf sowie Hoteliers und Gewandhausmusikern eine Reise „Mit sechs Sinnen durch zehn Städte“, um für Leipzig zu werben. Dort übernimmt Müller die Moderation und führt als Mephisto durchs Programm. Ulrich Reinhardt, der damalige Chef von Auerbachs Keller, engagiert ihn schließlich, jeden Donnerstag bei ihm als Mephisto aufzutreten. Das wird die Rolle seines Lebens.
Seitdem jagt Müller mit seiner Donnerstimme so manchem Gast zunächst einen Schrecken ein. „He, Platz da! Sagt, was treibt Ihr hier?“ Sobald diese Worte ertönen, haben die Gäste ihre unheimliche Begegnung – mit Mephisto, dem Teufel. Er geht von Tisch zu Tisch, mit roten Beinkleidern, spitzen roten Stiefeletten, rotem Umhang und bemaltem Gesicht. Konfrontiert die Gäste mit Lastern, Schwächen und kleinen Unredlichkeiten, erteilt ihnen schließlich die teuflische Absolution.
Belehrend oder drohend ist das alles nicht, vielmehr ein Spaß. „Die Leute sollen einen Abend genießen, den sie nicht so schnell vergessen“, sagt er. Und bekommt viel Zuspruch von Schauspielern und anderen Prominenten, die den Keller regelmäßig besuchen. Auf den Leib geschrieben ist Müller ebenfalls seit 2017 seine Rolle als Fasskellermeister – mit dem spektakulären Fassritt und dem magischen Verjüngungstrunk für jeden Gast in der Hexenküche. Sein „Faustseminar“, das er von Bernd Weinkauf übernommen hat, kommt auch bei vielen Schulklassen gut an.
Chronist will weiter an der Keller-Historie forschen
Sehr oft gebucht ist Mephisto 2025, als Auerbachs Keller den 500. Geburtstag feiert. Da reist er auch als Botschafter durch die Lande und hat großen Anteil an der außergewöhnlichen Jubiläumskampagne. Das Restaurant wird zu einem starken Impulsgeber für Leipzig und gewinnt den Leipziger Tourismuspreis.
Der studierte Historiker Müller wird künftig als Chronist die Geschichte des berühmten Restaurants weiter aufarbeiten. Da tritt er die Nachfolge von Bernd Weinkauf an, der sich seit dem Jubiläum 2025 allmählich zurückzieht. Im Dickicht der Historie gibt es noch einiges zu klären und zu erforschen, zumal das Schneider-Team damals Unterlagen aus dem Archiv einfach weggeworfen hat. Müller sind da ein paar Ungereimten aufgefallen. Selbst zu Auerbachs Hof und möglichen weiteren Vorgängern will er forschen.
Bereits 2004/05 hat Müller das Umweltprojekt Arche Botanica für den Südraum Leipzig entwickelt. Das ist ein 200 Hektar großer Forschungs- und Familienpark, der am Störmthaler See entstehen sollte. Für diese ehrgeizigen Pläne hat er allerdings keinen Investor gefunden. Begeistert erzählt er von einem weiteren Hobby, der Suche nach Mineralien und Versteinerungen, denen er im Harz und im Erzgebirge auf der Spur ist.
Als Mephisto und Fasskellermeister will Hartmut Müller weitermachen. Zwar schlürft er in der Hexenküche selbst gern mal den „magischen Verjüngungstrunk“. Um sich fit zu halten, geht er aber lieber ins Fitnessstudio und ernährt sich gesund. Einer seiner Lieblingsplätze ist der Botanische Garten in Halle.
Stand: 12.02.2026














