Foto: Leipzig – Kurt MASUR

Masur, Kurt

Musiker, Gewandhauskapellmeister, Ehrenbürger | geb. am 18. Juli 1927 in Brieg (Schlesien), gest. am 19. Dezember 2015 in Greenwich/Connecticut in den USA
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Audiobeitrag: Masur, Kurt

„Mut haben heißt: Angst überwinden“ – das ist eines der Zitate, die von Kurt Masur stammen. Zu lesen ist es an seiner Grabanlage auf dem Leipziger Südfriedhof. Schon von weitem ist das Grabmal für den ersten Leipziger Ehrenbürger nach der Friedlichen Revolution zu sehen, zu deren Verlauf er am 9. Oktober 1989 mit dem Aufruf der Leipziger Sechs besonnen beigetragen hat. Das Grab ist von stilisierten Orgelpfeifen gesäumt – in Erinnerung an sein Wirken im Gewandhaus zu Leipzig.

Im Mittelpunkt des von Markus Gläser gestalteten Grabmals ist ein Relief des einstigen Gewandhauskapellmeisters bei einer für ihn typischen Geste beim Dirigieren zu sehen. Ohne Taktstock, wie er immer gearbeitet hat. Für den Weltenbürger Masur ist die Stadt Leipzig Heimat und Wirkungsort zugleich. In dieser Stadt will er leben, arbeiten und nach seinem Tod bestattet werden. Sein Freund und Biograf Johannes Forner nennt ihn einen „unerschütterlichen Idealisten und kämpfenden Träumer“.

Geboren wird Kurt Masur am 18. Juli 1927 in Brieg (Niederschlesien). Er ist der Sohn eines Elektroingenieurs, der ein Fachgeschäft betreibt und ihn nach der Schule zum Elektroniker ausbildet. Der junge Kurt beginnt zunächst ein Musikstudium an der Landesmusikschule Breslau. Mit 19 Jahren kommt er nach Leipzig, um an der Staatlichen Hochschule für Musik (heute: Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“) das Dirigieren zu studieren, er belegt zudem Cello und Klavier. 1949 bricht er das Studium allerdings ab, um die Stelle des ersten Kapellmeisters in Halle anzunehmen, bis 1951 ist er in der Saalestadt tätig. Danach folgen Engagements als 1. Kapellmeister an den Städtischen Bühnen Erfurt und am Opernhaus in Leipzig. Die erste hauptamtliche Stelle als Dirigent bekommt Masur zwischen 1955 und 1958 bei der Dresdener Philharmonie. Danach wird er Generalmusikdirektor am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin.

1960 verpflichtet ihn die Komische Oper Berlin als Chefdirigent. Masur bleibt dort über vier Jahre. Danach arbeitet er zunächst freischaffend, leitet von 1967 bis 1972 als Chefdirigent die Dresdener Philharmonie.

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Ein Motor für einen Gewandhaus-Neubau


Kurt Masurs bedeutendste Schaffensphase wird sein 26-jähriges Wirken als Gewandhauskapellmeister in Leipzig von 1970 bis 1996. In dieser Funktion setzt er sich 1977 maßgeblich für den Neubau des Gewandhauses auf dem Karl-Marx-Platz (heute:
Augustusplatz) ein. Er will dem Gewandhausorchester, das nach Zerstörung des Zweiten Gewandhauses in der Grassistraße seit 1943 kein eigenes Konzerthaus mehr hat, eine angemessene Spielstätte geben. Dabei beweist er Durchsetzungsfähigkeit gegenüber Widerständen und wird zum streitbaren Geist. Die SED-Funktionäre haben das Areal auf dem Karl-Marx-Platz bereits für ein neues Auditorium Maximum der Karl-Marx-Universität reserviert.

Masur wird durch seine Beharrlichkeit zum „Motor“ bei den Funktionären und den Bauleuten. Der einzige Konzerthausneubau der DDR wird 1981 eröffnet. Als Kapellmeister gibt er mit dem Leipziger Gewandhausorchester mehr als 900 Konzerte bei Tourneen in vielen Ländern und wird so für die DDR zum Devisenbringer.

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Der erste Ehrenbürger nach der Friedlichen Revolution


Der Künstler ist wegen seiner Staatsnähe in der DDR auch umstritten. Was ihn für die Stadt Leipzig aber unvergessen macht: Am 9. Oktober 1989, dem Tag der großen Leipziger
Montagsdemonstration, verfasst Masur mit fünf prominenten Leipzigern den Aufruf „Keine Gewalt!“. Dabei stellt er sich auf die Seite der Bevölkerung und wirkt durch das Verlesen des Aufrufes der Leipziger Sechs über den Stadtfunk Leipzig deeskalierend. Später öffnet er das Gewandhaus für Demokratiegespräche. Und wird im Dezember 1989 zum ersten Ehrenbürger der Stadt Leipzig nach dem Mauerfall ernannt. Der Dirigent selbst wehrt jede Überhöhungen seiner Rolle im Herbst 1989 ab und spricht vom „Wunder in Leipzig“, das die Leipziger Bürger mit ihrem Ruf nach Demokratie und ihrem Mut vollbracht haben.

Masur ist eine herausragende Persönlichkeit. Deshalb ist er nach der Wende kurz als potenzielles Staatsoberhaupt der DDR im Gespräch. Er lehnt es aber ab, ein politisches Amt zu übernehmen. Später wird er kurzzeitig sogar für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen.

1990 gehört er zu den Gründern der Kulturstiftung Leipzig und wird ihr erster Präsident. In diesem Jahr nimmt Kurt Masur die Position des Musikdirektors des New York Philharmonic Orchestra an. Er bleibt Leipzig jedoch treu: 1991 gründet er hier die Internationale Mendelssohn-Stiftung, welche die letzte Wohn- und Wirkungsstätte Felix Mendelssohn-Bartholdys in der Goldschmidtstraße vor dem Verfall rettet. Die Sanierung des Mendelssohn-Hauses gelingt trotz großer Schwierigkeiten. Er engagiert sich viele Jahre als Präsident der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stiftung und der Internationalen Mendelssohn-Akademie. Für seine Verdienste um die Demokratie und das kulturelle Leben erhielt Masur zahlreiche Ehrungen, neben der Ehrenbürgerwürde der Stadt Leipzig beispielsweise 1995 das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Der erste Ehrendirigent des Gewandhauses


Zum Jahreswechsel 1996/97 verabschiedet sich Kurt Masur als Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Das Gewandhaus ernennt ihn zum ersten Ehrendirigenten in der über 250-jährigen Geschichte des Orchesters. Im Jahr 2000 wird er Musikdirektor des London Philharmonic Orchestra. 2002 übernimmt er die musikalische Leitung des Orchestre National de France in Paris.

Es ist das atemberaubende Leben eines Ausnahmekünstlers. 2010 wird bekannt, dass Kurt Masur seit Jahren an Parkinson leidet. 2012 und 2013 stürzt er zweimal schwer, zuletzt sitzt er im Rollstuhl und dirigiert trotzdem. Mit 88 Jahren verstirbt Masur in seinem Wohnort vor den Toren New Yorks an den Folgen der Parkinsonerkrankung. „Wir werden ihn ehren, sein Vermächtnis fortführen und verneigen uns vor diesem großen Weltbürger“, sagt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung in einer Gedenkrede beim Trauergottesdienst in der überfüllten Thomaskirche.

Vor seinem Grabmal auf dem Südfriedhof steht eine japanische Zierkirsche. Das ist seiner Witwe, der Sopranistin Tomoko Masur, wichtig, die aus Japan stammt. An den Seiten der rund 3,50 Meter hohen Grabwand aus Stahl ist neben seinem Relief ein Zitat von Franz von Assisi in Deutsch und Englisch zu lesen. Tomoko Masur sagt zur feierlichen Enthüllung, sie wünsche sich hier einen Ort, an dem Familie, Wegbegleiter und Musikfreunde ins Zwiegespräch mit ihrem verstorbenen Mann kommen können.

Platz und Schule tragen seinen Namen


Masur lebt nach seinem Tod an verschiedenen Leipziger Orten weiter: Zwischen
Gewandhaus, Universität Leipzig und Moritzbastei gibt es einen nach ihm benannten Kurt-Masur-Platz, im Mendelssohn-Haus öffnet 2017 ein Kurt-Masur-Institut. In der Leipziger Südvorstadt trägt eine Grundschule, die regelmäßig an den Maestro erinnert und sich mit seinem Wirken in Leipzig auseinandersetzt, seinen Namen.

Stand: 30.10.2024

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