Der Alcedo atthis gibt sich nur selten die Ehre. Dennoch lässt sich der Eisvogel im Floßgraben, der die Pleiße mit dem Waldbad Lauer verbindet, wohl nicht wirklich von Booten stören. Um den Vögeln Ruhe zu ermöglichen, ohne den Wassersport komplett zu verbieten, hat die Stadt Leipzig seit der Saison 2016 eine unbefristet gültige Allgemeinverfügung zur Nutzung des Floßgrabens erlassen. Diese beinhaltet, dass das Befahren mit Paddelbooten und Kajaks vom 1. März bis 30. September nur eingeschränkt möglich ist. Mit maschinenbetriebenen Booten aller Art ist das Befahren grundsätzlich untersagt. Das alljährliche Monitoring der Stadt Leipzig zeigt, dass sich die Vögel offenbar mit dem Bootsverkehr arrangieren können. So hat die Zahl der Brutpaare wieder zugenommen. Drei Brutreviere gibt es.
Geschützter Eisvogel brütet am Flussufer
Wer die zugelassenen Zeiten nutzt, wähnt sich in einer Idylle. Südlich der Weißen Brücke ist das Gewässer – das offiziell „Batschke – Floßgraben“ heißt – wildromantisch. Die Sonne scheint durch die Bäume hindurch auf die Brennnesseln. Das animiert die Libellen zum Tanzen. Mandarinenten schwimmen behutsam mit ihren Jungen. Hin und wieder wird auch ein Reiher gesichtet. Zahlreiche bedrohte Wasserinsekten und Kleinfische sind anzutreffen. Und natürlich der geschützte Eisvogel, der seine Brutröhren am Flussufer baut. Er braucht vor allem schützende Äste, die über das Wasser hängen. Dort wartet der scheue Vogel, um nach Fischen und Insekten zu tauchen.
Oft liegen Bäume an verschiedenen Stellen im Wasser. Und manchmal heißt es, Kopf einziehen, um Ästen auszuweichen. Aufgrund seiner geringen Tiefe und Breite eignet sich der Floßgraben allerdings nur mit Einschränkungen für den Wassertourismus. Das kann vor allem an sonnigen Wochenenden zum Problem werden, wenn viele Paddler die Route vom Stadthafen Leipzig in den Cospudener See hinein nutzen. Deshalb heißt es Rücksicht nehmen: Der südliche Auwald ist ohnehin Landschaftsschutzgebiet und europäisches Vogelschutzgebiet sowie Heimat zahlreicher bedrohter Arten.
Über Floßgraben wird Brennholz transportiert
Entstanden ist der Floßgraben – der längste historische Kunstgraben in Mitteldeutschland – bereits im 16. Jahrhundert. Baubeginn ist 1577/78, wobei es zunächst um die Versorgung der Salinen in Bad Dürrenberg geht. Doch auch Leipzig hat ein Problem. Das Brennholz in den umliegenden Wäldern wird knapp. Der Transport mit Fuhrwerken ist kaum bezahlbar. Pleiße und Weiße Elster eignen sich nicht zum Holztransport. Ein erster Versuch, eine Wasserstraße von den Werdauer Wäldern über die Pleiße nach Leipzig einzurichten, wird zum finanziellen Desaster. Diese verläuft nicht reibungslos, weil oft Niedrigwasser in der Pleiße zum Hemmnis wird oder das Floßholz Schäden an Mühlen und Wehren verursacht. Dafür müssen vom Leipziger Rat dann hohe Entschädigungen gezahlt werden.
Westlich von Pegau entsteht schließlich eine Verbindung über den „Kleinen Floßgraben“ nach Leipzig, die 1612 in Betrieb geht. Das Holz kommt am Floßplatz an, den es heute noch gibt. Der Graben wird nahezu 250 Jahre genutzt, bis die Eisenbahn als neues Transportmittel sowie das neue Zeitalter der Braunkohle das Ende der Flößerei einläutet. Die am 20. Oktober 1873 eröffnete Eisenbahnlinie Leipzig-Knauthain-Zeitz verläuft nahezu parallel zum Kleinen und Großen Elsterfloßgraben. Das Grabensystem bleibt aber erhalten, bekommt wasserwirtschaftliche Funktionen.
Grabenabschnitte durch den Tagebau gekappt
Der Floßgraben unterliegt vielen Veränderungen, als durch verschiedene Tagebaue Abschnitte gekappt, verlegt und teilweise wiederhergestellt werden. Unterhalb des heutigen Waldsees Lauer blieb der Gewässerlauf zwar erhalten. Doch der Graben verlandete und verschlammte, auch aufgrund von Abwassereinleitung aus der Kläranlage Markkleeberg. Inzwischen ist der Graben renaturiert und eine Idylle für Mensch und Natur, die es zu schützen gilt.
Der für die gewässertouristische Verbindung von Stadthafen bis zum Cospudener See wichtige Floßgrabenabschnitt hat eine Länge von 5,7 Kilometern. Als Paddelzeit werden 50 Minuten angegeben.
Stand: 27.05.2024









