Der Brunnen auf dem Nikolaikirchhof befindet sich zwischen Nikolaikirche und Alter Nikolaischule und erinnert an die Friedliche Revolution 1989. Er wurde nach Entwürfen des Londoner Architekturbüros David Chipperfield umgesetzt und am 9. Oktober 2003 eingeweiht. Der Brunnen – auch Chipperfield-Brunnen genannt – besteht aus einer kreisförmigen Brunnenschale aus hellem Lausitzer Granit, die auf einem runden Sockel ruht. Das überlaufende Wasser symbolisiert das Aufbegehren der Bürger im Herbst 1989.
Ein steiniger Weg zum Brunnen
Der Nikolaikirchhof ist heute nicht nur ein zentraler Platz in Leipzig, sondern auch ein ganzheitlicher Ort des öffentlichen Erinnerns an die Friedliche Revolution von 1989 und die Bürger, die durch ihr Engagement und ihren Mut den Regimewechsel ermöglichten. Bei dem Brunnen handelt es sich um ein zentrales Element der Neugestaltung des Nikolaikirchhofs nach der Jahrtausendwende. Ziel war es, die Nikolaikirche und ihr Umfeld dauerhaft als Schauplatz der Erinnerung an die Friedliche Revolution erlebbar zu machen. Der Platz wurde bewusst als räumlicher Bezugspunkt der gesellschaftlichen Umbrüche des Herbstes 1989 interpretiert. Die Entstehung des Brunnens ist Teil der sukzessiven künstlerischen Gestaltung des Nikolaikirchhofs. Bereits 1999 wurde die Nikolaisäule realisiert, ein prägendes Element, das an die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 erinnert. Der Brunnen wurde als ergänzendes Element konzipiert, das die Säule weder formal noch inhaltlich überlagern sollte.
Im Zuge des Wettbewerbs zur künstlerischen Neugestaltung des Nikolaikirchhofs legte Andreas Stötzner bereits 1992 einen Entwurf vor, der die später realisierte Nikolaisäule gemeinsam mit einem Brunnen als zusammengehörige Gestaltung vorsah. Der Brunnen wurde jedoch nicht umgesetzt, so dass die Frage einer Brunnenanlage zunächst offenblieb. Weitere Wettbewerbsbeiträge folgten in den späten 1990er-Jahren. 1998 entstanden unter anderem ein gemeinsamer Entwurf der Architekten Weis & Volkmann mit der Künstlergruppe solitaire FACTORY sowie ein Konzept von Heinz-Jürgen Böhme. Auch diese Entwürfe wurden nicht umgesetzt, da in Fragen der Gestaltung und der Einbindung in den Stadtraum kein Konsens erzielt werden konnte.
Erst nach einer erneuten Wettbewerbsrunde und intensiver öffentlicher wie fachlicher Diskussion wurde schließlich ein tragfähiges Konzept ausgewählt. 2002 wurde auf Initiative der Stiftung „Lebendige Stadt“ eine dritte Wettbewerbsrunde für den Nikolaikirchhof ausgeschrieben, bei der die Kulturstiftung Leipzig die Federführung übernahm. Dieses Mal ging es nicht nur um den bereits zweimal zuvor gescheiterten Brunnenversuch, sondern auch um eine spezielle Lichtgestaltung zum Thema Herbst ’89. Der Entwurf des Londoner Architekturbüros David Chipperfield setzte sich gegen fünf weitere Mitbewerber durch. Die Umsetzung erfolgte in enger Abstimmung mit der Stadt Leipzig sowie beteiligten kulturellen Institutionen. Der Brunnen, dessen Baukosten rund 460.000 Euro betrugen, wurde 2003 fertiggestellt. Die Stiftung „Lebendige Stadt“ unterstützte das Projekt mit 350.000 Euro. Die Einweihung fand am 9. Oktober 2003, dem Jahrestag der entscheidenden Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989, im Anschluss an das traditionelle Friedensgebet in der Nikolaikirche statt.
Lebendige Erinnerung: Das Fass war voll
Gestalterisch ist der Brunnen durch eine stark reduzierte Formensprache geprägt. Er besteht aus einer kreisförmigen Brunnenschale mit 3,30 Metern Durchmesser aus hellem Lausitzer Granit, die auf einem runden Sockel ruht. Die leicht geneigte Schale sammelt das Wasser am Rand, das sichtbar über die Außenfläche abläuft. Der Wasserspiegel reicht bis zur Kante der Schale, so dass das Überfließen integraler Bestandteil des Erscheinungsbildes ist. Das kontinuierliche Überlaufen wirkt wie ein sprichwörtlich überlaufendes Fass und kann als Symbol für das wachsende Aufbegehren der Bürger gegen das Regime im Herbst 1989 verstanden werden. Zugleich schafft der Brunnen einen zurückhaltenden, offenen Raum, der zur Nutzung des Platzes einlädt und dessen historische Bedeutung unterstützt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Zum gestalterischen Gesamtkonzept des Nikolaikirchhofs zählt ergänzend die Lichtinstallation „Public Lights“ von Tilo Schulz und Kim Wortelkamp. 144 Lichtsteine im Pflaster neben dem Brunnen leuchten abends in Blau, Grün und Rosa und symbolisieren das Zusammenkommen der Menschen im Herbst 1989, wodurch sie die Wirkung des Brunnens räumlich und zeitlich ergänzen. Brunnen und Lichtinstallation wurden gemeinsam am 9. Oktober 2003 eingeweiht und prägen seither die künstlerische und erinnerungskulturelle Gestaltung des Nikolaikirchhofs.
Stand: 02.02.2026














