Wer mit einer Feldbahn mit der ungewöhnlichen Spurweite von 800 Millimeter fahren möchte, muss wohl oft bis nach Wales oder England reisen. Oder nach Lindenau. Dort wird von technikbegeisterten Enthusiasten die Museumsfeldbahn Leipzig-Lindenau betrieben, deren Ursprünge sich bis ins Jahr 1856 zurückverfolgen lassen. Damals wird die Feldbahn vom Industriepionier Karl Heine eingesetzt, um die Gebiete westlich des alten Leipzigs urbar zu machen und schließlich den heute nach ihm benannten Karl-Heine-Kanal zu bauen.
Hölzerne Loren, die allerdings von Pferden gezogen werden, transportieren die Erdmassen ab. 1896 werden die Pferde durch die ersten Elektrolokomotiven ersetzt, die vor die Loren gespannt werden. Es ist das Jahr, in welchem in Leipzig auch die ersten Pferdebahnen durch elektrische Straßenbahnen ersetzt werden. Das ist der Auslöser, diese neue Technik auch für die Feldbahn anzuwenden.
Kiesbahn übernimmt Transport fürs Mörtelwerk
Bereits 1888 stößt die Baustelle für den Kanal auf die mächtigen Kiesschichten der Schönauer Flur. Das ist der Beginn des Kiesabbaus. Die Feld- wird zur Kiesbahn und übernimmt den Transport zwischen den Kiesgruben und einem 1881 errichteten Mörtelwerk am Kanal. Es ist Gründerzeit, der Bauboom und damit der Bedarf an Kies und Sand der rasch wachsenden Stadt Leipzig ist riesig. Detailliert beschrieben ist die Geschichte des Areals im Buch „Die Kiesbahn in Leipzig-Lindenau“ von Uwe Köhler, das 2015 im Verlag Kenning erschienen ist. Sie wird aber auch bei öffentlichen Ausfahrten, die der Verein Museumsfeldbahn Leipzig-Lindenau zehnmal im Jahr anbietet, erzählt.
1902 – wenige Jahre nach dem Tod Karl Heines 1888 – wird der Kanalbau von der Leipziger Westend-Baugesellschaft eingestellt. Der Kiesabbau geht aber weiter, die Bahn wird weiterhin für den Transport benötigt. Neue E-Loks, ab 1905 auch Dampfloks, werden beschafft. Ein Eimerkettenbagger sorgt ab 1906 dafür, dass die Kiesbahn deutlich mehr transportieren kann.
Kiesbahnen fahren auf 12 Kilometer langer Strecke
1938 erfolgt mit dem Baustart für den Lindenauer Hafen sowie den Elster-Saale-Kanal zunächst ein Einschnitt. Kiesgruben auf dem Hafengelände werden für das Projekt enteignet. In der Schönauer Flur werden jedoch neue Gruben erschlossen, was zu einer Verlagerung des Streckennetzes führt. Ihre Glanzzeit erlebt die Kiesbahn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Leipzig ist durch die anglo-amerikanischen Bombenangriffe stark zerstört. Der Wiederaufbau beginnt, für den Baustoffe benötigt werden. Das Mörtelwerk existiert noch, eine Baustoffindustrie entsteht. Und damit bis 1960 ein etwa 12 Kilometer langes Streckennetz. 35 Lokomotiven und 700 Kipploren sind im Einsatz. 1956 stellt die letzte Trümmerbahn in Connewitz ihren Betrieb ein, wird danach für den Kiesabbau eingesetzt. Da Trümmerbahnen eine Spurweite von 600 Millimetern haben, entsteht ein zweites Gleissystem in Lindenau. Weil es drei Gruben gibt, handelt es sich im Leipziger Westen wohl um das größte Kiesabbaugebiet der DDR. Und es ist nicht übertrieben, die Kiesbahn als dessen Lebensader zu bezeichnen.
In den 1960er Jahren wird weniger Kies abgebaut. Das liegt daran, dass ein Großteil der Gruben „erschöpft“ ist, sich außerdem die Plattenbauweise durchsetzt. Deshalb wird 1965 der Dampflokbetrieb, zwei Jahre später der E-Lok-Betrieb eingestellt. Bis zur Stilllegung der Rückmarsdorfer Grube im Mai 1991 fahren noch drei Dieselloks bis zur Siebanlage am Lindenauer Hafen.
Technik-Enthusiasten müssen Loks „umspuren“
Gleise werden schon entfernt. Es gelingt aber, die Bahn unter Denkmalschutz zu stellen. Eine Interessensgemeinschaft Museumsfeldbahn wird gegründet, die sich fortan um den Erhalt der Anlage kümmert. Der Lokschuppen sowie einige Nebengelasse können so vor dem Abriss bewahrt werden. Die Firma Papenburg, die letzte Betreiberin der Kiesgruben, überlässt dem Verein vier Lokomotiven, zwei Flach- und drei Kipploren kostenlos.
Einzelne Exponate aus dem Kiesbahn-Betrieb, die restauriert worden sind, können bis heute bewahrt werden. Ein Beispiel ist eine Kipplore als Holz-Konstruktion aus den Anfangsjahren. Darüber hinaus baut der Verein eine umfangreiche Sammlung historischer Feldbahnfahrzeuge auf, die aus verschiedenen Ländern zusammengetragen werden. Da diese meist eine andere Spurbreite haben, müssen sie „umgespurt“ werden – eine mühevolle Arbeit für die Technik-Enthusiasten. Schon im Juni 1994 geht der erste durch die damalige Interessengemeinschaft umgebaute Schmalspurpersonenwagen in Betrieb. 1995 entsteht aus der Interessengemeinschaft der gemeinnützige Verein Museumsfeldbahn Leipzig-Lindenau.
Ein „rollendes Museum“ voller Enthusiasmus
Der Verein sammelt Feldbahn-Dieselloks verschiedener Baureihen. Eine Augenweide ist ein Personenwagen, der 1906 bis 1930 auf einer Teilstrecke der Schweizer Wengeralpbahn fuhr. Eine Deutz-Lokomotive, die nach einer Sturmflut einst zum Deichbau eingesetzt wurde, holt der Verein sich von einem niederländischen Unternehmen. „An dieser Lok haben wir drei Jahre intensiv gearbeitet“, erzählt Vereinschef Veit Bruchmann. Etwa 30 Mitglieder hat der Verein, die in ihrer Freizeit viel werkeln und die Strecke vom Ästen und Grünwuchs freihalten. Die Fahrzeughalle ist ebenfalls selbst gebaut.
Die Strecke vom Museumsbahnhof bis in die Schönauer Lachen hinein ist etwa 1,5 Kilometer lang. Zu besonderen Anlässen führt das „rollende Museum“ auch den historischen Eimerkettenbagger vor. Es bewahrt ein wichtiges Stück Industriekultur Leipzigs vor dem Vergessen. Geplant ist, mit Teilen einer Kiesaufbereitungsanlage eine bewegliche Schauanlage aufzubauen. Eine kleine Ausstellung erzählt im Lokschuppen zudem die Geschichte der Bahn. Wegweisende Schilder sind nur rund um öffentliche Fahrtage zu finden, um Schmierereien einzudämmen. Beim Leipziger Wasserfest oder bei den Tagen der Industriekultur ist der Verein regelmäßig dabei. Im Winter gibt es auch Glühweinfahrten.
Stand: 20.07.2025














