Eine Vision wird Wirklichkeit: Am Lindenauer Hafen ist ein völlig neues Wohnviertel für Leipzig entstanden. Die ersten Familien können im Mai 2017 in ihre neuen Wohnungen einziehen. Mittlerweile gibt es neben Eigentums- auch Mietwohnungen und Selbstnutzerprojekte in unterschiedlichen Preissegmenten. Wer möchte, kann im Hafenbecken Boot fahren. Die Anbindung zum Karl-Heine-Kanal macht es seit 2015 möglich. Der ursprüngliche Traum der Leipziger, eine Wasserstraße bis hin zu den Weltmeeren zu bekommen und große Schiffe in einem eigenen Hafen zu entladen, ist aber noch nicht in Erfüllung gegangen. Davon künden auf dem fast 40 Hektar großen Gelände teilweise verfallene Gebäude wie die alten Speicher.
Der Traum ist Jahrhunderte alt: Schon Friedrich August III. von Sachsen lässt 1799 Untersuchungen anstellen, die Luppe zu kanalisieren und so eine Verbindung zu der seit dem 17. Jahrhundert schiffbaren Saale herzustellen. Der Plan scheitert allerdings. Visionäre wie Karl Heine können ihre Ideen ebenfalls nicht umsetzen – er verwirklicht zumindest den später nach ihm benannten Karl-Heine-Kanal.
Vision vom Südflügel des Mittellandkanals
Nach dem Ersten Weltkrieg reift dann die Idee, einen Leipziger Kanal als Südflügel des Mittellandkanals auszubauen. Ursprünglich ist der Hafen als Teil dieses Leipzig-Saale-Kanals geplant. Jener Kanal ist eine der größten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, um die Arbeitslosen von der Straße zu holen. Daran hat auch Leipzigs Oberbürgermeister Carl Goerdeler erheblichen Anteil. Baubeginn ist am 11. Juli 1933 – bei Burghausen. Bis zu 2.000 Arbeitskräfte schachten damals für die Kanalbaustelle. Ausführlich werden die Arbeiten in der Broschüre „Das schiffbare Leipzig“ von Wolfram Sturm dargestellt, die beim Verein Pro Leipzig erschienen ist.
Der Ausbau des Hafens beginnt am 27. Mai 1938. Ziel ist es, dass er gemeinsam mit dem Kanal 1941/42 fertig wird. Vorgesehen ist, sowohl einen Umschlag, als auch einen Industriehafen zu errichten. Es sollte der modernste Binnenhafen Deutschlands werden. 1942 – die Wehrmacht erleidet die ersten großen militärischen Niederlagen in der Sowjetunion – werden die Arbeiten am Kanal eingestellt, die am Lindenauer Hafen im Januar 1943 nach der Niederlage in Stalingrad.
Wenig Interesse am Ausbau nach dem Krieg
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges versucht der neue Stadtrat, sowohl Kanal als auch Hafen als Wasserweg für die Industrie fertigzustellen – es gibt 1947 auch Initiativen dazu im Sächsischen Landtag. Leipzigs Oberbürgermeister Erich Zeigner setzt sich ebenfalls dafür ein. Doch die Sowjetische Militäradministration ist nicht daran interessiert, zumal sich eine Kluft unter den Alliierten auftut, die letztlich in den Kalten Krieg mündet. Auch die DDR-Regierung zeigt wenig Interesse am Hafen – nutzt jedoch die Lagerhäuser. Der Transport erfolgt per Schiene und Lastkraftwagen. Neu errichtet wird lediglich eine vom Getreidehandel betriebene Futtermischanlage. Das mittlere Lagerhaus ist bis 1996 ein Getreidesilo. In Nachbarschaft zu den Speichern siedeln sich weitere Gewerbebetriebe an.
Die Verbindung des Hafens zum Kanal wird nie fertig gestellt. Etwa 75 Meter fehlen derzeit vom Hafenbecken bis zum Kanal. Das 70 Meter breite und 1.000 Meter lange Hafenbecken verharrt seitdem ohne Anschluss. Für die Anbindung des Beckens müsste der Damm der Lyoner Straße durchbrochen werden. Zumindest Planungen für den Bau einer Lyoner Brücke hat Leipzigs Stadtrat beauftragt. Hinzu kommt: Der Leipzig-Saale-Kanal, früher Elster-Saale-Kanal, ist noch nicht mit der Saale verbunden. Etwa 8,8 Kilometer fehlen noch, das derzeitige Ende befindet sich in Zschöchergen bei Günthersdorf (Sachsen-Anhalt). Diverse Machbarkeitsstudien zeigen allerdings, dass ein Ausbau des Bootstourismus möglich ist. Doch die Kosten dafür sind immens hoch.
Quantensprung für den Bootstourismus möglich
Für den Leipzig-Saale-Kanal ist inzwischen die Wasser- und Schifffahrtverwaltung des Bundes zuständig. Ausbau und Fertigstellung sind bislang nicht vorgesehen – für die Wirtschaft wird er nach der Deindustrialisierung der Region nach der Friedlichen Revolution nicht mehr benötigt. Doch für den Bootstourismus könnte er ein Quantensprung sein, wie mehrere Studien belegen. Halle, Merseburg, Schkopau und Leuna sind daran interessiert. Der Leipziger Stadtrat stimmt zu, das Vorhaben ebenfalls zu fördern. Hafenbecken, Kaimauer und die drei Speichergebäude stellt Leipzig zudem als Kulturdenkmale unter Denkmalschutz.
Ins Blickfeld gerät das Hafenareal, als sich Leipzig 1998/99 mit diesem Standort um die Ausrichtung einer Internationalen Gartenbauausstellung bewirbt – allerdings ohne Erfolg. Konkreter werden die Pläne um die Belebung des Areals mit der Olympia-Bewerbung 2012. Der Lindenauer Hafen ist damals als Standort für das olympische Dorf vorgesehen. Die Bewerbung scheitert bekanntlich – doch die Stadtplaner setzen wesentliche Impulse für das urbane Wohnen am Wasser.
Am 11. Mai 1999 gründet sich der Förderverein für den Durchstich vom Karl-Heine-Kanal zum Elster-Saale-Kanal, der sich seit 2001 Verein Wasser-Stadt-Leipzig nennt. Sein Ziel ist es, die Visionen Karl Heines von der Anbindung Leipzigs an die Saale und damit an die Nord- und Ostsee zu befördern. Für die Gestaltung der Wasserstadt macht sich der Verein mit vielen Aktionen rund ums Wasser stark. Dazu zählt beispielsweise das alljährliche Leipziger Wasserfest im August. Geworben wird auch für den Ausbau des Hafens – 2009 sogar mit einem Flugtag. Damals springen die Akteure mit selbstgebauten Flugobjekten ins Hafenbecken.
Die Stadt Leipzig möchte das Hafenbecken weiterentwickeln. Im Norden soll ein technischer Hafen mit 200 Bootsliegeplätzen entstehen – die künftige Marina Leipzig-Lindenau. Geplant sind touristische Einrichtungen, maritimes Gewerbe, eine Slipanlage und eine Wassertankstelle. Wann das realisiert werden kann, ist ebenso wie die Anbindung des Hafens an den Leipzig-Saale-Kanal angesichts enormer Kosten weitgehend offen. Das Westufer des Hafengeländes bleibt naturnah. Zumindest das ist keine Vision.
Stand: 20.06.2024














