„Von der Elster an die Alster“ – dafür sollte ein Kanal am südlichen Ende des erträumten Wasserwegs den notwendigen Lückenschluss im natürlichen Gewässernetz liefern. Dass es die Leipziger Kaufleute zum Welthafen Hamburg zog und die Hamburger Großbürger zum Welthandelsplatz Leipzig, lag auf der Hand. Und ein industrieller Visionär wie Karl Heine trat an, den Traum von der viel beschworenen „Elbekette“, heraus aus dem tiefen deutschen Binnenland an den Übersee-Umschlagplatz in eigener Regie zu verwirklichen.
Krönender Wasserweg
Seinen Namen verlieh nicht Karl Heine selbst dem Kanal. Das taten dankbare Bürger erst später, weil sie sich damit vor dem Lebenswerk des umtriebigen Industriellen und – in heutigen Termini – Projektentwicklers verneigten. Denn auf diese Idee musste Mitte des 19. Jahrhunderts erst einmal jemand kommen – anstelle eintöniger Kartoffeläcker rund um das stille Dorf Plagwitz rauchende Fabrikschlote in expandierenden Fabriken, termintreu verkehrende Güterzüge auf den Anschlussbahnen und mehrgeschossige Wohnbauten zu sehen. Doch Karl Heine, dem eine solide Erbschaft finanziellen Spielraum verschaffte, agierte praktisch in all diesen Richtungen. Und als Krönung war der Kanal gedacht. Er sollte von den aufblühenden Industriearealen westlich der Kernstadt Leipzig unter Einschluss eines später favorisierten Hafens in Lindenau westwärts bis zur Saale führen und damit einen größeren schiffbaren Fluss erreichen.
Der Aushub des Kanalbetts begann 1855 als Abzweig von der Weißen Elster an der Nonnenstraße zeitgleich mit den Plagwitzer Grundstücksgeschäften Heines und dem Ankauf von rund einem Quadratkilometer Agrarflächen. Damit war klar, dass die wenigen vorhandenen Feldwege schon recht bald städtischen Straßen weichen sollen und dass diese Straßen auf massiven Brücken über den zaghaft entstehenden Kanal geführt werden müssen. Die König-Johann-Brücke (1860, in der Ursprungsform 1998 erneuert) im Zuge der Zschocherschen Straße, die König-Albert-Brücke (1874) im Zuge der früheren Plagwitzer und heutigen Karl-Heine-Straße sowie die Eisenbahnbrücke über den Kanal in Lindenau vermitteln einen guten Eindruck von den ingenieurtechnischen Herausforderungen.
War ein Kanalabschnitt fertig, gab es eine Gewässertour mit geschmückten Booten für den anwesenden sächsischen König und Freibier für die Bauarbeiter. Mit wirkungsvoller Öffentlichkeitsarbeit warb Karl Heine für den Fortschritt seines Kanaltraums.
Auf „Heine-Knack“ ruht das Waldstraßenviertel
Bereits 1856, ein Jahr nach dem Beginn des Kanalbaus, stellte sich ein geologisches Hindernis dem raschen Ausheben des Kanalbetts in den Weg. Der Plagwitzer Höhenrücken mit seinem harten Gestein musste mit den damals üblichen bescheidenen technischen Hilfsmitteln durchbrochen werden. Der Bau kam nur mühsam voran. Am felsigen senkrechten Rand des Kanals in Höhe des Stelzenhauses und der Weißenfelser Straße lassen sich die Herausforderungen an die über 160 Jahre zurückliegenden Bauarbeiten bis heute erahnen. Karl Heine kombinierte auch in dieser Problemlage verschiedene seiner Geschäftszweige miteinander. So hart die Grauwacke für den Kanalbau auch war, so lukrativ ließ sie sich gleichzeitig brechen und auf den entstehenden Bauplätzen des Waldstraßenviertels verkaufen, wo aufsteigende natürliche Nässe geradezu nach einer Auffüllung und Stabilisierung des problematischen Baugrunds verlangte. „Heine-Knack“ – das gebrochene Gestein aus Plagwitz – avancierte zum gefragten Baustoff.
Vortrieb bis zum Mörtelwerk
Die vielfach miteinander verflochtenen geschäftlichen Aktivitäten Karl Heines brachten es angesichts zahlreicher vertraglicher Verpflichtungen mit sich, dass dem Industriepionier gar keine andere Wahl blieb, als den Kanal energisch voranzutreiben. Nicht zuletzt hatte er der entstehenden Leipziger Baumwollspinnerei eine Versorgung mit Brauchwasser aus seinem künstlichen Gewässer zugesichert.
Zwischenzeitlich stützten sich Heines Geschäfte in den 1870er Jahren vor allem auf sein Plagwitzer Anschlussbahnsystem, dessen Verkauf ihm 1885 endlich den erhofften finanziellen Gewinn verschaffte. Da lag der Baubeginn des Kanals bereits über 30 Jahre zurück, und Heine spürte in seinem siebten Lebensjahrzehnt die eigenen Kräfte schwinden. Unterstützt von einem Kanalverein wies das gesamte Projekt in einem finalen Aufbäumen noch ein Stück über das Mörtelwerk von Heines Westend-Baugesellschaft hinaus, doch dann war nach rund zweieinhalb Kilometern Wasserweg erst einmal Schluss.
Paddeln und Spazieren nach langem Dornröschenschlaf
In rund einhundert Jahren Leipziger Industrieexpansion verkam der einst stolz begrüßte Kanal immer mehr zur gemiedenen Abwasserrinne. Erst nach der Wiedererlangung der deutschen Einheit ergab sich in den 1990er Jahren eine realistische Chance, dem künstlichen Wasserweg eine attraktive Nutzung zu verschaffen. Ein Frachtschiff wird dort nie entlangfahren, doch umso wohler fühlen sich in der warmen Jahreszeit die zahlreichen Paddler und Ruderer oder die Fahrgäste auf dem kleinen Kanalschiff Weltfrieden. Der inzwischen auch offiziell Karl-Heine-Kanal getaufte Wasserweg ist ihr neues, bevorzugtes, innerstädtisches Revier.
Als Glücksfall für Leipzig erwies sich die Einbeziehung als Außenstandort in die Weltausstellung „Expo 2000“ in der Partnerstadt Hannover. Unter dem Leitmotiv „Plagwitz – den Wandel zeigen“ vollzog die Gewässerreinigung einen Riesenfortschritt, wurde ein Radweg unter Nutzung einer früheren Anschlussbahntrasse angelegt und gewann das „Leben am Wasser“ einladende Züge.
Weniger erfolgreich war die Bewerbung der Stadt Leipzig für Olympia 2012 in Leipzig. Erfreulich jedoch: Im Vorfeld wurde eine Verbindung des Karl-Heine-Kanals mit dem Lindenauer Hafen konzipiert. Um die Gewässerverbindung umzusetzen, musste eine 665 Meter lange Anbindung geschaffen werden. Nach rund drei Jahren Bauzeit wurde die Verbindung von Leipzigs Gewässerlandschaft zum Lindenauer Hafen durch Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal am 2. Juli 2015 feierlich eröffnet.
Ob jemals ein Touristenboot von hier die Saale erreicht? Leipzig und die Anliegergemeinden des favorisierten, als baulichem Torso steckengebliebenen Elster-Saale-Kanals wollen es. Vorerst fehlen sieben Kilometer Kanalstrecke und Millionen von Euro.
Stand: 22.12.2021














