Leipzig hat wesentlich mehr Brücken als Venedig. Wie schon Goethe weiß, der von einem Klein-Venedig spricht. Darauf verweisen die Schiffsführer vom Bootsverleih Herold bei ihren kommentierten Touren immer wieder gern. „Eigentlich müsste man zu Venedig Klein-Leipzig sagen“, heißt es dort. Mag sein, dass bei den oft vergnüglichen Touren manchmal ein wenig Seemannsgarn erzählt wird. Die Familie Herold jedenfalls ist in Leipzig eine Institution. Schließlich fährt ihre Firma in der fünften Generation Einheimische und Gäste über Leipzigs Gewässer. Und dabei wird aus einem besonderen Blickwinkel viel über die einzigartige Industriearchitektur von Plagwitz und Lindenau entlang der Wasserstraßen erzählt. Die kann jeder über den Bootsverleih unterhalb der Schleußiger Brücke an der Antonienstraße selbst erkunden.
Die erste Motorbootstation Leipzigs
Julius Hermann Seifert gründet im Jahr 1888 die erste Leipziger Motorbootstation. Das hat auch viel mit Karl Heine, dem Industriepionier, zu tun. Für ihn arbeitet Seifert zunächst als Schiffsführer eines Vermessungsbootes. Er trägt dazu bei, dass Flüsse und Kanäle im westlichen Leipzig befahrbar werden, um Güter zu transportieren. So entsteht beispielsweise der heutige Karl-Heine-Kanal, der von der Weißen Elster abzweigt. Doch 1888 stirbt Heine. Seine Firma, die Leipziger Westend-Baugesellschaft, setzt ihre Arbeit zwar noch bis 1902 fort. Seifert jedoch verliert seine Arbeit und macht sich mit der Motorbootstation an der Weißen Elster selbstständig. 1888 bietet er die ersten Motorboot- und Stechkahnfahrten an.
Die Firma stellt zudem Paddel- und Ruderboote her, wobei Sohn Otto-Fritz Seifert bei der Geschäftsübernahme diesen Zweig ausbaut. Ab 1933 folgen auch Marinekutter. Die Firma wird verpflichtet, diese für die Grundausbildung von Matrosen zu bauen.
Bei einem schweren Luftangriff am 20. Februar 1944 bleibt die Firma nicht verschont. Wohnung und Werkstattgebäude werden zerstört. Die Familie zieht zunächst nach Österreich, kehrt erst 1947 zurück. In jenem Jahr beginnt er, die Station wieder aufzubauen, die Produktion von Holzbooten geht weiter.
Boote für alle großen Ausleihstationen in Sachsen
1950 beginnt Jürgen Herold seine Lehre als Bootsbauer in der Firma, der sieben Jahre später Eva-Maria Schwager, Seiferts Enkteltochter, heiratet. Das ist die Mutter der heutigen Geschäftsführerin Patricia Herold. Vater Jürgen Herold übernimmt im Jahr 1961 die Leitung des Betriebes, den er weiter ausbaut. Alle großen Bootsausleihstationen Sachsens beliefert er mit Herold-Booten. Die Firma spezialisiert sich auf Holzruderboote in Klinkerbauweise.
Im Jahr 1972 baut Herold das erste Plasteboot. Es handelt sich um selbstentwickelte Einer- und Zweierkajaks in glasfaserverstärktem Kunststoff. Das stößt auch im Ausland auf viel Interesse. Sechs Jahre später beginnt der internationale Export. Pro Jahr werden 300 Boote verkauft. Dazu gehören die „Eskimo“-Sportboote, die in den Niederlanden sehr beliebt sind. Bis Juni 1990 stellt die Firma rund 5.000 Boote her. Die meisten sind für den Export bestimmt, aber auch für Sportvereine und Privatpersonen wird gearbeitet.
Bootsshop und Verleih wird eröffnet
Nach der Friedlichen Revolution finden sich weniger Abnehmer, die Produktion wird deshalb eingestellt. Stattdessen baut die Firma einen Kanu-Service auf, der Reparaturen für Vereine durchführt. Einzelne Neuanfertigungen gehören aber weiterhin zum Geschäftsfeld. Im März 1993 öffnet ein Verkaufspavillon an der Antonienstraße, der als Boot-Shop Herold diverses Zubehör rund um Wassersport für die Region anbietet. 1996 ist ein entscheidendes Jahr für den Familienbetrieb, als die Bootsausleihstation wiedereröffnet werden kann. Ein Jahr später starten die geführten Motorbootfahrten, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Sogar Reisebusse steuern den Familienbetrieb an, damit Gäste an der unterhaltsamen Stadtrundfahrt auf den Gewässern teilnehmen können.
Im Herbst 2004 folgt ein Geschäft am Cospudener See mit Bootsverleih und Wassersportschule. Sechs Jahre später wird das Areal an der Antonienstraße um einen Parkplatz erweitert und die Wassersportschule ausgebaut. Geschäftsführerin Patricia Herold, die 1982 DDR-Meisterin bei den Junioren im Kajak wird, hält die Geschicke des Familienbetriebes zusammen. Ihr Ehemann Bernd Herold steuert Motorboote.
Eine One-Way-Tour durch den Floßgraben
Der Kapitän arbeitet außerdem in der Wassersportschule als Ausbilder. Dort wird die Kleine Knotenkunde vermittelt. Wer wissen will, was die Unterschiede zwischen einem Achtknoten, einem Webeleinstek oder einem Schotstek sind, wird ebenso auf der Homepage der Familie fündig. Das theoretische Wissen wird im Schulungsraum am Schleußiger Firmensitz vermittelt, für die praktischen Übungen geht es je nach Kurs auf die Flüsse und an den Cospudener See. Von dort aus bieten die Herolds auch eine One-Way-Bootstour bis zur Antonienstraße an. Da wird viel Wert auf Pünktlichkeit gelegt, da der zu passierende Floßgraben nur zu bestimmten Zeiten befahren werden kann. Das hat das Umweltamt verfügt, um den Eisvogel zu schützen.
In der Saison fahren inzwischen 94 Paddel- und Ruderboote sowie Canadier auf Leipzigs Wasserstraßen. Für die kommentierten Rundfahrten gibt es vier Motorboote. Die Firma beschäftigt sieben festangestellte Mitarbeiter sowie viele Studenten und Schüler als Saisonkräfte.
Zwischen Oktober und April wird es etwas ruhiger, in den kälteren Monaten bleibt nur der Shop für die Wassersportler geöffnet. Vom Februar an können Interessierte bei Kursen in der Wassersportschule viel theoretisches Wissen erwerben, damit sie dann pünktlich zu Saisonbeginn ihre Prüfungen ablegen können.
Stand: 06.08.2025














